Eskalationen, Egoismus & Ellenbogengesellschaft – die Welt, in der die Kinder leben

Eskalationen, Egoismus & Ellenbogengesellschaft – die Welt, in der die Kinder leben

Es ist viertel nach zehn, meine Augen brennen und ich starre meinen Bildschirm an. Wie bringe ich das zu Papier, was im Kopf umherfliegt wie ein Schwarm Krähen bei der Aussaat? Ein treffender Vergleich, bei uns haben sich die schönen schwarzen Vögel nämlich emsig vermehrt. So sehr, dass es eine Petition dagegen gibt. Ich habe sogar unterschrieben.

Warum? Weil mir die Nachbarn leid tun, die angrenzend dort leben. Der Lärm ist unvorstellbar, der Schmutz auch. Keine Sorge, gejagt werden sie nicht. Hätte dann auch nicht unterschrieben. Die sollen Richtung Wald vertrieben werden, raus aus der Wohnsiedlung. Das Umweltamt ist auch involviert. Und doch: Der Aufschrei ist riesig: Die armen Vögel.

Ich mag Tiere. Insekten nicht ganz so, aber die sind ja nützlich. Darum haben wir Totholzhecken, Schmetterlings- und Bienenweiden, Bienenhotels und was nicht alles im Garten. Für die Nützlinge nur das Beste. Ich mag auch unsere Nachbarschaft (eh die Beste!). Und als die Frau mit der Liste umherzog und versuchte, mir mit Geduld alle Fragen zu beantworten, habe ich unterschrieben. Aus… ja, aus welchem Grund eigentlich? Vermutlich würde ich es Nächstenliebe nennen, wäre es nicht so ein furchtbar altbackenes Bild.

Tatsächlich versuchen wir auch, Moral und Werte an unsere Kinder weiterzugeben. Darüber habe ich HIER bereits geschrieben.

Da wären Mitgefühl, Empathie, Höflichkeit, Tischmanieren, Rücksichtnahme auf Schwächere und und und. Es gelingt uns ganz gut, glaube ich. Dafür ist der Sohn jetzt kein Terminator. Aber er achtet auf jüngere Kinder. Teilt Spielzeug und Essen (momentan gerade so semi-toll, Corona sei Dank), ist großzügig, freundlich und greift auch mal beherzt ein: Wenn Kleinstkinder Stufen heraufklettern, kriecht er hinterher, damit sie nicht abstürzen (danke, du toller Junge!). Er setzt sich neben Babys und spielt mit ihnen, bis die Mama wieder aus dem Bad oder aus der Küche kommt. Nicht nur bei uns, nein, überall wo Not am Mann (oder am Baby) ist.

Und dann ist da draußen die Welt. Eine Welt, in der Menschen getötet werden, weil sie sich dafür einsetzen, andere zu schützen: Wie der Busfahrer in Frankreich, der wollte, dass die Maskenpflicht eingehalten wird. Er bezahlte mit seinem Leben. In den USA wurde bei einem ähnlichen Vorfall ein Mensch erschossen. Wegen einer fucking Maske. Die, wenn alle sie korrekt tragen, das Virus eindämmt. Leben rettet.

Aber so ist die Welt da draußen: Menschen triefen geradezu vor Egoismus, wie das Fett eines Brathähnchens durchdringt es die Poren des gesunden Menschenverstandes. Auf Facebook regiert der Hass, das Niveau liegt bereits unter der Titanic. Mit Feuereifer angeschürt von Leuten mit großem Geltungsdrang und kleinem Schwanz.

Menschen wie wir, die sich auch für Schwächere einsetzen, sind – zumindest gefühlt – in der Minderheit. Andere Meinungen werden nicht toleriert. Rechte Parolen wiederum sind keine Meinungsfreiheit. Mit Schaum vor dem Mund wird das Vaterland verteidigt, ein jeder besteht auf SEIN Recht zu Reisen und wütet in den asozialen Netzwerken herum: Warum die verdammte Promenade so voll sei? Oder auch: Endlich im Ausland, endlich runter mit der Maske und rein in die Partyszene. So geschieht es gerade in Kroatien und Bulgarien. Die Zahlen steigen und es wird weiter skandiert: Corona sei nur eine Grippe, Maske nutzt nichts, Corona gäbe es gar nicht!

Und dann sitze ich da und frage mich: Was ist da passiert? Schaffen es die Menschen nicht, mit ihrer demokratischen Freiheit umzugehen, während sie von Diktatur faseln? Was zählt, ist der Einzelne. Gesunder Egoismus ist super. Gepaart mit Rücksichtnahme auf andere, auf Schwächere, Höflichkeit und Bildung wäre das ein Traum.

Momentan jedoch fühle ich mich wie in einem Alptraum.

Und doch, sind wir doch privilegiert. Müssen uns nicht durch die Wüste kämpfen. Haben Wasser und Licht auf Knopfdruck. Übergewicht durch zuviel Essen, das wir nur mit unserem Geld kaufen müssen. Müssen nicht losrennen, in die Keller oder Luftschutzbunker. Nicht ausharren an Deck eines kraftstofflosen Schlauchboots mit der Aussicht auf Folterung.

Was wird passieren, wenn nach den Ferien die Fallzahlen überhand nehmen (und das werden sie)? Sie werden als erstes dafür büßen, die Kinder. Die Schüchternen, die Raufbolde, die Gewitzten, die Humorvollen, die Künstler, die Ehrgeizigen.

Die Welt, in der wir leben.

 

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