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Zum Weltfrauentag: Kleingedacht

Zum Weltfrauentag sollte ich als Frau etwas wirklich Schlaues schreiben. Das werde ich nicht. Ich schreibe, über welche Entwicklung ich mich sorge, schicke Grüße an ganz besondere Frauen und erzähle, wo es Frauen ganz besonders schwer haben. Es ist noch viel zu tun. Und ich würde mich dabei nicht einmal als Feministin sehen.

Frauen führen in den meisten westlichen Ländern ein privilegiertes Leben, vergleicht man das Leben der Frauen in den einzelnen Nationen miteinander. Wir, im deutschsprachigen Raum geboren, haben wirklich viele Vorteile: Wir erhalten Geld vom Staat, wenn wir Kinder bekommen, sind sozial abgesichert, dürfen wählen gehen und unsere Kinder in die Schule schicken. Wir bekommen unsere Kinder in einem geschützten Rahmen und die medizinische Versorgung ist gut. Ja, auf den ersten Blick läufts bei uns.

Trotzdem gibt es einige Punkte, die unbedingt in den Fokus rücken müssen: Zum Weltfrauentag.

Frauen sind aufgrund der Geschlechterrolle immer noch selten in Schlüsselpositionen vertreten. Das liegt zum einen daran, dass ganz einfach der Partner mehr verdient, aber auch daran, dass die Herren der Schöpfung ihre Geschäftsabschlüsse gern feucht-fröhlich feiern. Traditionell angehauchte Unternehmen stellen daher vorzugsweise Männer ein. Ich finde, Qualifikation hat kein Geschlecht. Aber ist das vielleicht ein Luxusproblem?

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[Täglich versucht in Deutschland ein Mann, seine Partnerin zu töten.]

Vermehrt lese ich Beiträge über Incels und die steigende Gewaltbereitschaft gegen Frauen. Incels leben unfreiwillig enthaltsam, sind häufig rechtsradikal eingestellt und sehen Frauen einzig als Sexobjekte. Durch das Internet fanden sich Zehntausende zusammen, eine Parallelwelt voller Hass entstand. Frustriert und gewaltbereit, einige bekannte Attentäter zählen dazu. Auch Massenmörder Breivik macht keinen Hehl aus seinem Hass auf Frauen. Durch die neuen Medien sind die Frauenhasser organisiert und vernetzt wie nie zuvor, aber leider noch nicht im Fokus der Fahnder. Die meisten Frauen sterben übrigens durch die Hand ihres (Ex-) Partners, das sind dann laut Behörden “bedauerliche Familientragödien”. Sind das nur Einzelfälle?

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In Deutschland werden nach wie vor Frauen zwangsverheiratet. Spätestens beim Heimatbesuch klingeln die Hochzeitsglocken, falls die Familie ursprünglich aus einem anderen Land stammt. 2019 waren der Polizei bei uns über 70 Fälle bekannt. Jährlich sind ca. 3000 Frauen zwischen 17 und 25 Jahren von Zwangsheirat bedroht. Natürlich, erlaubt ist das IN Deutschland nicht. Aber die Dunkelziffer ist hoch. Zumal vom Paragrafenreiter nur standesamtliche Ehen erfasst werden, nicht aber religiös geschlossene. Betrifft nicht so viele?

[Hilfetelefon für Frauen | Gewalt gegen Frauen | Hilfe bei Zwangsheirat: 08000 116 016 ]

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Frauen sind der Motor unserer Gesellschaft. Insbesondere die Coronakrise hat gezeigt, dass diese Krise vor allem auf dem Rücken der Frauen ausgetragen wurde. Mehrheitlich waren und sind sie für die Kinderbetreuung zuständig, erleiden daher Einbußen an Gehalt oder Einkommen. Durch Kurzarbeit und Co. wurden und sind Frauen wie Kinder vermehrt häuslicher Gewalt ausgesetzt. Eine Lobby haben nur Fußball und die Großindustrie, nicht aber Eltern. Ist eben so, in der Pandemie, oder?

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Vereinbarkeit rüttelt an den Gemütern. Was Frauen heute leisten müssen, ist nicht mit anderen Generationen vergleichbar. Selbstverständlich hat jede Generation ihr Päckchen zu tragen. Aber unsere hat die sozialen Medien. Es wird beschimpft, gemobbt und belästigt, was das Zeug hält. Erfolgreiche Frauen im Netz sind tiefem Hass ausgesetzt. Alltagsfragen in Bezug auf Job und Kind geraten zu Streitpunkten: Bleibt die Mutter zu Hause, ist sie entweder Heimchen am Herd oder ist die fürsorgliche Übermutter die nichts gebacken kriegt außer Schwarzwälder Kirsch. Geht sie arbeiten, sollte sie besser mal keine Kinder kriegen oder ist karrieregeil. Schwarz-weiß-Denken, das Problem, Familie und Job unter einen Hut zu kriegen und dann noch die Verurteilung dazu im Netz, das nagt. Nicht umsonst sind die Mutter-Kind-Kliniken derzeit auf lange Wartezeiten eingerichtet. Aber als Frau muss man sich mal entscheiden, oder…?

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Ca. 44 Prozent der Europäer sind der Ansicht, dass Frauen sich um Haus und Familie kümmern sollten. In einem Drittel der Mitgliedstaaten sind nicht weniger als 70 Prozent der Europäer dieser Meinung.” (Quelle: Europäische Kommission, dt. Vertretung).

Das möchte ich jetzt einfach mal wirken lassen.

Und das Thema wechseln.

Eine Hommage

An die Frau mit zwei Kindern, die weit ab von ihrem alten Zuhause die Familie wuppt, den Alltag organisiert, homeschoolt und arbeitet, dabei ihrem Mann den Rücken freihält:

An die Frau, die vier Kinder großzieht, ein Familienunternehmen leitet und stets optimistisch in die Zukunft blickt:

An die Frau, die sich im Rentenalter für einen Neuanfang im Norden entschieden hat und ihr Leben fernab ihrer Familie meistert und immer ein Plätzchen für eine Katze in Not hat:

An die Frau, die wie ein Stehaufmännchen stets weitermacht, auch wenn sie oft am Boden lag:

An die Frau, die ihr Kind fast alleine großzog und es so zu einem großartigen Menschen macht:

An die Frau, die gerade ein Kind geboren hat und trotz Corona das Beste aus ihrem noch jungen Mama-Leben macht:

An die Frau, die das Reisen vermisst und aus Rücksicht dennoch am Boden bleibt:

An die Frau, die Hosen ihrer Enkel flickt und trotz Risikoerkrankung tapfer weiter arbeiten geht:

An die Frau, die ihren Partner auch in schwierigen Zeiten und Altersdemenz begleitet:

An die Frau, die mit rebellischen Teenagern auch ihr eigenes Leben lebt und ihr Hobby nicht verkümmern lässt:

Wir sind eine Familie. Und es gibt noch viel zu tun.

 

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