Gestatten, ich bin ein Verlierer

Gestatten, ich bin ein Verlierer

“Eltern von kleinen Kindern sind doch echt die Verlierer der Corona-Krise”. Es ist sieben Uhr morgens, ich sitze auf dem Badewannenrand und versuche, dem Vierjährigen die Zähne nachzuputzen. Der Mann ist sauer, ich bin müde. Müde und krank. Deswegen ist der Mann sauer. Also nicht weil ich krank bin. Wir sind übrigens alle krank. Weil es Eltern gibt, die ihre Kinder krank in den Kindergarten bringen.

Die Luft ist raus, der Kindergarten ist offen. Was waren wir besorgt, was haben wir frohlockt. An Tag vier nach über drei Monaten Kindergarten-Frei erwischten wir den Jackpot: Schniefnasen, Halsweh, Fieber – das volle Programm. Erst der Sohn, dann die Lütte und jetzt ich. Wobei der Sohn mittlerweile ja wieder gesund ist und auch wieder in den Kindergarten geht. Selbstverständlich blieb der Lütte zuhause und auf dem Wege der Besserung bei den Großeltern. Die haben nämlich Urlaub, wie praktisch.

Wo war ich? Ah ja, Mann sauer und ich müde. Müde und krank. Hätte gerne das Immunsystem vom Mann. Vorhin im Auto habe ich überlegt, was wohl der Corona-Virus mit mir macht, wenn mich eine kleine Erkältung schon dermaßen umwirft. Lieber nicht dran denken. Ich war wütend, wütend auf Eltern, die ihre Kinder teils mit Medikamenten in den Kindergarten bringen (merkt keiner, wie schön), wütend auf die Erzieher, die es nicht gemerkt haben, wütend auf alles, weil wir wieder die geballte Ladung abbekommen haben. Wütend, weil wieder keine Sozialkontakte möglich sind.

Kleinkind-Jongleur in Corona-Test-Woche

Ich bin müde, ich möchte mich gern ausruhen. Mein Mann jongliert zwischen Homeoffice und Kleinkind-Betreuung. Zwischendurch macht er Essen, wechselt Windeln und wäscht Wäsche. Ich schlurfe durchs Wohnzimmer und versuche, die Einjährige während der wichtigen Telefonkonferenz bei Laune zu halten. Nur noch eine Stunde, dann kann der Mann wieder einspringen.

Dazu muss ich anmerken, dass bereits in den zwei Wochen zuvor ein Virus bei uns die Runde machte. Ich musste mich auf Covid-19 testen lassen, alle Anzeichen sprachen dafür. Zum Glück negativ. Und diesen Test möchte ich echt ungern ein zweites Mal machen müssen, Häschtägg “autsch”.

Wir sind natürlich nicht die einzigen. Um uns herum – eine einzige Schnieferei. Ist ja auch kein Ding, so ein Schnupfen. Aber mit dem leisesten Krankheitsanzeichen ist es das Aus für Kindergarten oder Sozialkontakte. Verständlich. Trotzdem ein Grund, auch mal sauer zu sein. Auf die Welt und so.

Schnupfen – das Aus für Sozialkontakte

Apropos Welt; alle verrückt geworden. Aber eine gute Nachricht habe ich trotzdem: In einem amerikanischen Friseursalon haben zwei Covid-19-Infizierte tagelang zig Leuten die Haare geschnitten. Da alle eine Maske trugen, blieb eine weitere Ansteckung aus. Es kann so einfach sein. Es ist nur ein Tuch. In Asien seit Jahrzehnten Usus, bei Krankheit eine Maske zu tragen. Warum ist das denn für viele Menschen so schwer? Was ich da lese, da stellt es mir die Haare auf. Und ich hab echt viele (nur auf dem Kopp, da werden se dünner)!

Zurück von der verrückten Welt zu uns: Der Spagat ist mittlerweile breiter als die Bucht von San Francisco und die Flexibilität nimmt deutlich ab. Der Mann, dessen 40-Stunden-Job eigentlich ein 50-60-Stunden-Job ist, rotiert. Ich schlurfe so durch die Gegend, konnte heute immerhin einkaufen. Brav mit FFP3-Filter und viel Desinfektion, damit auch keiner den Schnupfen abbekommt. Davon versuche ich jetzt, mich den restlichen Tag zu erholen. Mein Job ist mittlerweile ein Witz mit Anlauf. Abends bin ich zu müde zum Arbeiten, früher aufstehen schaffe ich beim besten Willen nicht mit den nächtlichen Aufweckattacken der Kinder. Tagsüber: Kind. Oder Kinder. Wahrscheinlich mache ich den beiden insgeheim schon Vorwürfe, die Stimmung ist mies. Dabei können die ja gar nichts dafür.

Meckerlise trifft Westküsten-Akrobat

Aber über mir pendelt die Sanduhr, die Zeit läuft: Die Aufträge müssen zum Kunden. Das Damoklesschwert einer Selbstständigen. Ich habs mir so ausgesucht, zum Glück. Aber gerade, gerade läufts mal wieder nicht unbedingt geradeaus. Eher im zick-zack. Nach unten. Und ja, auch ich darf meckern, schimpfen, sauer sein. Auch wenn es “mir doch eigentlich gut geht”. Ich bin ein Verlierer der Krise. Freischaffender Künstler, Ausgaben und kaum Einnahmen, Kinderbetreuung my ass und eine Gesellschaft, die dir das um die Ohren haut.

Eine Kanne Tee später sieht die Welt wieder anders aus. Die Kinder spielen, die Großeltern sind da, ich kann ins Büro. Der Mann ist sogar ins “richtige” Büro heute. Und ich komme zu der Erkenntnis, dass ich gerne ein Verlierer bin. Denn ohne meine Kinder wäre ich ja per se gar keiner, oder wie seht ihr das? 

 

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Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Susanne

    Da bin ich auch gern ein Verlierer! LG Susanne

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