Das Baby ist da – und der Mann ist weg [Interview]

Das Baby ist da – und der Mann ist weg [Interview]

Wenn ein Baby kommt, sind Veränderungen vorprogrammiert. Das war bei uns so, das ist bei anderen Paaren auch so. Bei Kirsten* war die Veränderung allerdings drastisch: Ihr Mann hat sie verlassen, als sie mit Baby aus dem Krankenhaus kam. Das ist nun einige Jahre her und Kirsten spricht heute mit mir über diese Ungeheuerlichkeit.

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Kirsten, schön, dass du da bist. Wie alt ist dein Sohn jetzt?

Ich freue mich, meine Geschichte hier zu erzählen. Mein Sohn ist jetzt acht Jahre alt.

Kirsten, du bist nach der Geburt nach Hause gekommen, und dein Mann stand mit zwei Koffern an der Tür. Wie kam es dazu?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht genau. Mein damaliger Mann hatte sich schon während der Schwangerschaft etwas zurückgezogen, freute sich aber sehr auf das gemeinsame Kind. Zur Geburt war er sogar dabei, musste aber danach postwendend wieder zur Arbeit – Krisensitzung. Heute weiß ich, das war gelogen. Ich musste noch einige Tage im Krankenhaus verbringen, aber wir telefonierten täglich. Immer wieder betonte er, dass er sich auf uns freue.

Am Entlassungstag fuhr ich mit dem Bus nach Hause, der Vater meines Sohnes sagte kurzfristig ab. Er müsse etwas wichtiges erledigen, aber wir sähen uns ja bald zu Hause. Ich war wirklich wütend, aber als er dann mit den Koffern vor mir stand…

Kirsten, das hört sich unfassbar an. Wie hast du darauf reagiert?

Er erklärte mir in kurzen Worten, dass er eine Freundin hätte, die er sehr liebt und nun dorthin zieht. Er könne das nicht durchziehen mit mir und dem Baby. Wenn ich was für das Kind brauchte, sollte ich es ihm sagen. Er hat mir nicht einmal in die Augen gesehen dabei. Dann ist er gegangen. Da stand ich nun: Alleine, mit meinem Sohn, kurz nach der Geburt – in unserer Wohnung, voller Erinnerungen. Das war unglaublich schmerzhaft.

Kirsten, das macht mich fassungslos und ich kann mir gar nicht vorstellen, wie du dich gefühlt haben musst. Kurz nach der Geburt, da ist man ja noch richtig sensibel, vollgepumpt mit Hormonen und sowieso nah am Wasser gebaut… Hattest du Hilfe in der Zeit?

Ich rief sofort meine beste Freundin an. Die ging nicht ans Telefon, meldete sich auch sonst nicht mehr. Ich dachte schon, es sei etwas passiert. Irgendwann schnackelte es dann bei mir… Meine Mutter half mir in der Zeit über die Runden, unterstützte mich im Haushalt und half mir, eine neue Wohnung zu suchen. Die alte Wohnung war für mich alleine einfach viel zu teuer. Ich hatte Glück, in einem kleinen Ort bei München fand ich dann eine relativ günstige Drei-Zimmer-Wohnung.

Kirsten, hast du noch Kontakt zu deinem Ex-Mann?

Ich habe kaum Kontakt. Er hat sich nicht für unseren Sohn interessiert, überweist regelmäßig Geld, wollte ihn aber bis jetzt nicht sehen. Drei Jahre später wurde seine Freundin schwanger, das habe ich aus unserem Bekanntenkreis erfahren. Sie sind wohl nun eine große glückliche Familie…

Kirsten, das klingt hart. Hart auch für deinen Sohn. Wie gehst du damit um?

Ich war jahrelang unglaublich wütend. Aber mein Ex war ja auch der Vater. Ich habe oft schlecht über ihn geredet – natürlich berechtigt, aber nicht gerechtfertigt, das vor meinem Sohn laut auszusprechen. Heute versuche ich neutral über meinen Ex zu reden, aber mein Sohn fragt kaum nach ihm. Dazu kommt, dass ich einen neuen Lebenspartner habe. Das kompensiert natürlich die Lücke etwas.

Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich auch in Therapie bin, um meine Ängste in den Griff zu kriegen. Ich leide seitdem immer wieder unter Panikattacken und habe Probleme, anderen Menschen zu vertrauen.

Kirsten, ich finde es großartig, dass du dir Hilfe gesucht hast. Davon profitierst nicht nur du, sondern auch dein Sohn. Denkst du im Nachhinein, das du etwas merken hättest müssen?

Ehrlich, ich bin an den Selbstvorwürfen fast zugrunde gegangen. Natürlich hätte ich etwas merken müssen! Aber mein Exmann war sehr geschickt darin, Ausreden zu erfinden – und ich wollte ihm glauben. Und in einer Schwangerschaft ist sowieso alles anders. Ich habe nichts in Frage gestellt, das war vielleicht ein Fehler.

Kirsten, ich denke nicht, dass du dir Vorwürfe machen musst – dein Exmann hat einen Fehler gemacht. Aber du hast Recht, in einer Schwangerschaft reagieren Frauen – auch ich – wesentlich empfindlicher. Ich sage nur: Mücke und Elefant. Was rätst du Frauen, die in einer ähnlichen Situation stecken?

Ich kann ihnen nur raten, sich Hilfe zu suchen. So eine Situation – alleine, mit Baby, verlassen – da verliert man den Boden unter den Füssen. Das gibt einen ganz großen Knacks in Sachen Vertrauen. Und diese Hilflosigkeit – furchtbar. Holt euch Hilfe! [Adressen unten im Beitrag]

Liebe Kirsten, ich danke dir für deine Offenheit. Dir und deinem Sohn wünsche ich von Herzen eine wundervolle Zukunft.

 

Das Gespräch hängt mir beim Schreiben immer noch nach. Ich versetze mich immer in die Lage der Betroffenen und stelle mir die Situation unfassbar grausam vor. Aber ich glaube, da funktionierst du nur noch – deinem Kind zuliebe. Kirsten ist eine starke Frau, die ihr Glück selbst in die Hand nahm. Kennt ihr ähnliche Geschichten? Habt ihr auch ein komisches Bauchgefühl in der Schwangerschaft gehabt, aber dann war doch nichts?

Cheers, Victoria


Adressen für Frauen in ähnlichen Notsituationen

  • Telefonseelsorge 0800 / 111 0 111
  • Profamilia (deutschlandweit)

Anlaufstellen für Frauen, denen es ähnlich geht, sind u. a. die Kirchen vor Ort, das jeweilige Jugendamt, die Arbeiterwohlfahrt (AWO), die Sozialberatungsstelle im Ort aber auch der eigene Hausarzt. Er kann euch an psychologische Unterstützung weiterempfehlen oder vielleicht ist auch eine Mutter-Kind-Kur ratsam.

Die Landesstiftung “Hilfe für Mutter und Kind” unterstützt werdende Mütter in Not (“Schwangere in Not”) sowie kinderreiche Familien und Alleinerziehende in Notlagen (“Familie in Not”). Hier erfahrt ihr mehr.


*Name auf Wunsch v. d. Redaktion geändert

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