Kinderbetreuung & Fachkräftemangel – Bürgermeister Müller aus Schwabmünchen im Interview

Kinderbetreuung & Fachkräftemangel – Bürgermeister Müller aus Schwabmünchen im Interview

Lorenz Müller, Erster Bürgermeister der Stadt Schwabmünchen, traf sich mit mir zum Interview. Wir sprachen über die aktuelle Situation der Kinderbetreuung, über einen Kindergarten-Neubau und Fachkräftemangel an Schulen und Kindergärten.

Was Lorenz Müller am Herzen liegt und warum sich Bürger auch im Notfall in ihn wenden können, lest ihr heute im Interview: So sind ihm in Sachen Anstellung von Lehrern die Hände gebunden und er erzählt, dass in Schwabmünchen ein Waldkindergarten entstehen sollte. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen:

  • Wir haben auf lange Sicht zu wenig Lehrkräfte
  • Mehr Kindergartenplätze in Schwabmünchen
  • Fachpersonal bei guter Bezahlung in Kindergärten gesucht
  • Waldkindergarten – Nachfrage zu gering
  • Missstände in Kindergärten – was tun?
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Schwabmünchens Wahrzeichen – der Wasserturm

 

Kuchenerbse: Schwabmünchen ist eine aufstrebende kleine Stadt; Durch Zuzug von Familien steigt auch die Menge der zu betreuenden Kinder an Schulen und Kindergärten. Wie sehen Sie die Situation derzeit an den Schulen?

Lorenz Müller: Ich sehe durchaus eine steigende Tendenz in Sachen Unterbringung und Betreuung; durch die zunehmende Attraktivität des Lechfelds mit den dort ansässigen Firmen wie Amazon, BMW usw. sowie den vielen anerkannten Flüchtlingen und dem Familiennachzug wird der Bedarf an weiteren Schul- und Betreuungsplätzen steigen.

Wir haben auf lange Sicht zu wenig Lehrkräfte

Kuchenerbse: Ist Schwabmünchen denn für den Zuwachs gewappnet?

Lorenz Müller: Wenn der Bedarf steigt, sind 100 weitere Schüler kein Problem: Derzeit sind nur 20 der insgesamt 28 Klassenräume der Grundschule belegt, das reicht gut aus. Ausreichend Lehrkräfte sind aber ein Thema!

Kuchenerbse: Das ist das Stichwort: In anderen Bundesländern unterrichten sogar Eltern mit, wie ist die Situation bei uns? Im Radio erhielt ich vor kurzem die Meldung, dass es in Schwaben keine solchen Probleme gäbe.

Lorenz Müller: Derzeit haben wir an den Schulen keine Probleme mit der Anzahl der Lehrkräfte. Nur, wenn der Bedarf eben steigt – und das wird er – müssen nicht nur genügend Lehrkräfte ausgebildet, sondern auch übernommen und eingestellt werden!

Kuchenerbse: Können Sie bei diesem Thema auch etwas steuern oder beeinflussen?

Lorenz Müller: Leider nein, als Bürgermeister sind mir die Hände gebunden: Der Staat Bayern ist für die Anstellungen von Lehrkräften in der Pflicht. Wir weisen die Verantwortlichen in München darauf hin, mehr können wir nicht tun.

Kuchenerbse: Wie fällt die Reaktion auf ihren Hinweis zu den Lehrkräften in München aus?

Lorenz Müller: Es wird insgesamt positiv gesehen, allerdings liegt mir ein Thema besonders am Herzen, das durch Personalmangel an Schulen entsteht:

Schwabmünchen hat eine große Grundschule mit 20 Klassen – die Klassen sind derzeit mit bis zu 30 Schülern belegt. In meinen Augen ist das viel zu viel. Klassen mit 15, 16 Schülern – da entsteht optimale Förderung der Kinder.

Kuchenerbse: Stimmt, die Anzahl der Kinder in den Klassen ist wirklich hoch. Wie meinen Sie, kann die Schule dagegen steuern?

Lorenz Müller: Mit mehr Lehrern und einer Begrenzung von bis zu 25 Schülern. 28 bis 30 Schüler sind einfach zu viel: Da bleiben einige Kinder auf der Strecke, gerade Kinder mit Migrationshintergrund. Gute Schulen sind natürlich wichtig, aber der Staat sollte nicht nur in Gebäude, sondern auch in Lehrkräfte investieren. Sonst bringt die schönste Schule nichts.

Mehr Kindergartenplätze für Schwabmünchen

Kuchenerbse: Das ist ein klares Wort. Dann schwenken wir doch jetzt zur Kinderbetreuung in Schwabmünchen: Wir haben hier vier Kindergärten, einen Platz zu ergattern ist nicht so einfach. Auch ich hatte Probleme, auf Anhieb einen Krippenplatz für unseren Sohn zu ergattern. Für so eine kleine Stadt ist das eine große Anzahl an Kindergärten, und trotzdem reichen die Plätze anscheinend nicht aus: Früher wurden bereits Ersatzgruppen in der Grundschule gebildet, ist das dieses Jahr auch wieder ein Thema?

Lorenz Müller: Ja, das bereits passiert. Im März hatten wir einen unerwarteten Mehrbedarf an Anmeldungen – da haben wir innerhalb von vier Wochen entschieden, dass wir wieder zwei Kindergartengruppen in der Grundschule bereitstellen. Die damaligen Gruppen wurden übrigens nur wegen der Sanierung des St. Michael – Kindergartens eingerichtet. Und die Gruppen kamen auch super an. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Kinder auch den Spielplatz des benachbarten Kindergartens nutzen können. Das Angebot beschränkt sich auf 4- und 5-jährige Kinder, die danach auf die Grundschule wechseln.  

Wir haben außerdem das Glück, über genügend qualifiziertes Personal zu verfügen, um so etwas umzusetzen.

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Schwabmünchen ist bunt!

 

Kuchenerbse: Soll die Außenstelle ein fester Bestandteil der Kindergärten werden?

Lorenz Müller: Nein, die Außenstelle des St. Christopherus-Kindergartens ist für zwei Jahre begrenzt, und in diesen zwei Jahren bauen wir einen weiteren Kindergarten mit Kinderkrippe.

Kuchenerbse: Wissen Sie schon, wo gebaut werden wird?

Lorenz Müller: Nein, das steht noch nicht fest, es kommen derzeit mehrere Standorte in Frage.

Kuchenerbse: Wieviel Platz ist vorgesehen, wie viele Kinder finden Platz in den neuen Räumlichkeiten?

Lorenz Müller: Dazu muss ich weiter ausholen: Unsere Kinderkrippen waren bislang nicht voll belegt, um jedoch neu bauen zu können, müssen die Plätze natürlich voll belegt und die Nachfrage da sein. Wenn dann immer noch Bedarf besteht, erhalten wir die Genehmigung vom Landratsamt für einen Neubau. In Bayern sind übrigens 15 Kinder pro Kinderkrippen-Gruppe vorgesehen, im Kindergarten 25. In Baden-Württemberg sind es weniger.

Natürlich kann ich auch gut verstehen, dass KindergartenleiterInnen sagen: „12 Kinder in der Krippe sind absolut ausreichend“. Aber bei dem großen Bedarf habe ich gebeten, die Gruppen vollständig zu besetzen – ohne Auslastung keine Genehmigung.

Durch den großen Bedarf im März konnten wir dann das Reglement erfüllen. Das Landratsamt vergibt die Baugenehmigung; wir bauen nachhaltig – so, dass wir auch wieder erweitern können.

Fachpersonal bei guter Bezahlung in der Kinderbetreuung gesucht

Kuchenerbse: Wie sehen Sie aktuell die Besetzung im Kindergarten, wie viel Personal ist ausreichend?

Lorenz Müller: Dazu gibt es ja gesetzliche Vorgaben. Generell befürworte ich mehr Personal für große Gruppen. Die Stadt Schwabmünchen versucht gerade, eine Praktikantin, die die Kinder in der Grundschule mit betreut, über den Personalschlüssel hinaus zu binden. Wir haben gesagt, das zahlen wir mit! Dann bleibt die Erzieherin dem Kindergarten erhalten.

Kuchenerbse: Wie schwer ist es, gutes Fachpersonal zu finden? Ist das ähnlich wie in der Pflege? Und was sagen Sie zu der Bezahlung?

Lorenz Müller: Gutes Fachpersonal ist in der Tat knapp. Die Arbeit mit Kindern ist ein sehr verantwortungsvoller Job, eine Aufgabe, man muss mit viel Leidenschaft dabei sein. Die Arbeit mit Kindern ist wertvoll.

Bei der Bezahlung gibt es große Unterschiede – das hängt vom jeweiligen Träger ab, es gibt  verschiedene Tarifverträge.

Kuchenerbse: Wie kann man bessere Bezahlung von Erziehern forcieren? Muss das von den Trägern kommen oder kann da die Stadt auch Druck ausüben?

Lorenz Müller: Jeder Politiker wird Ihnen das sagen, was ich Ihnen jetzt auch sage: In Deutschland gibt es die Koalitionsfreiheit – Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände machen ihre Verträge selbst. Da mischt sich die Politik nicht ein. Das halte ich auch für richtig, die Verbände sind verantwortlich für die Verträge und das daraus folgende Gehalt der Berufsgruppe Erzieher.

Ich denke trotzdem, dass die Gehälter sich bald anheben, allein aus dem Grund, dass es nicht genügend ErzieherInnen gibt. Bei den Lehrern ist das auch nicht anders. Gerade Grund- und Mittelschullehrer verdienen ja weniger als ihre Kollegen am Gymnasium, da tut sich langfristig auch ein Mangel auf. Der Unterschied sollte unbedingt behoben werden.

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Kuchenerbse: Absolut, es ist genauso anstrengend, Grundschulkinder zu unterrichten. Sie haben eigene Kinder? Wir waren Sie mit der Betreuungssituation zufrieden?

Lorenz Müller: Ja, wir haben eine Tochter, sie geht mittlerweile in die neunte Klasse. Wir waren damals sehr zufrieden mit der Betreuung, meine Tochter war in einem kleinen Kindergarten in Schwabegg untergebracht. Interessanterweise geht sie da heute noch gern vorbei, weil sie dort so eine schöne Zeit hatte.

Waldkindergarten – Nachfrage der Eltern zu gering

Kuchenerbse: Das hört sich ja prima an! Lassen Sie uns zum Thema Kindergarten zurückschwenken; Was halten Sie eigentlich von einem Waldkindergarten?

Lorenz Müller: Meine persönliche Meinung: Ich halte die Idee des Waldkindergartens für sehr gut, so ein Projekt würde ich auch total unterstützen. Meine Tochter hat ihre halbe Freizeit im Wald verbracht, ich bin der Überzeugung, das bringt unwahrscheinlich viel für die Entwicklung eines Kindes.

Der private Kindergarten hier in Schwabmünchen hat das sogar mal versucht, mich auch nach Unterstützung gefragt. Die Nachfrage war dann wohl leider aus Elternsicht nicht so groß, der Waldkindergarten konnte sich nicht etablieren.

Kuchenerbse: Lag das vielleicht an der Vermarktung, dass das Projekt „Waldkindergarten“ scheiterte?

Lorenz Müller: Die Nachfrage war tatsächlich einfach zu gering. Aber vielleicht sollte man das ja nochmal versuchen.

Kuchenerbse: Stichwort Standort neuer Kindergarten; spielt das ehemalige AWO-Pflegeheim eine Rolle?

Lorenz Müller: Die Überlegung war, erstens auf diesem Gelände Wohnungen zu errichten und zweitens einen Kindergarten. Derzeit wird allerdings dort nur der Bau von Wohnungen weiterverfolgt, weil ja auch die AWO eine Genehmigung des Landratsamts benötigt.

Aber wir bauen auf jeden Fall einen Kindergarten mit Kinderkrippe.

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Neuland? Schon lange nicht mehr in Schwabmünchen. Die aufstrebende Gemeinde bietet viel für Familien

 

Kuchenerbse: Lassen Sie uns auf ein weiteres Modell der Kinderbetreuung eingehen: Kennen Sie das System „Co-Working Toddler“? Kinder werden fachlich betreut und die Eltern arbeiten nebenan, in Berlin oder auch München haben sich solche Modelle etabliert. Sehen Sie bei diesem Modell eine Zukunft in Schwabmünchen oder gibt das der Markt nicht her?

Lorenz Müller: Damit habe ich bisher gar nicht beschäftigt, da kann ich tatsächlich nicht viel zu sagen. Für so eine Idee wäre ich auch offen, wenn es dafür entsprechend Nachfrage gibt.

Missstände in Kindergärten – was tun?

Kuchenerbse: Nun wird es spannend: Mich erreichen als Bloggerin immer wieder Beschwerden über Kindergärten oder die Zustände vor Ort (Schwabmünchen und auch Deutschlandweit; Anm. der Redaktion). Schwabmünchen machte ja auch vor einiger Zeit Schlagzeilen diesbezüglich; eine Erzieherin soll die Kinder zum Essen genötigt haben*. Was raten Sie denn den Eltern, wenn diese denken, ihre Kinder sind in der jeweiligen Einrichtung nicht gut aufgehoben? Wohin sollen sich diese Eltern wenden? Gerade wenn ein Gespräch mit Erziehern oder Kindergartenleitung nicht möglich ist?

Lorenz Müller: Es gab Eltern die haben mir bezüglich des o.g. Falls Mails gesendet, daraufhin habe ich  mit der Leitung des Kindergartens gesprochen. Auch habe ich mich sofort mit dem Landratsamt in Verbindung gesetzt, auch hier wurde bestätigt, dass sich um diese Situation gekümmert wurde. Die Erzieherin wurde letztendlich entlassen.

Generell ist das Landratsamt für solche Anfragen zuständig. Aber natürlich stehe ich auch als Gesprächspartner oder Mittler zur Verfügung, falls dies notwendig sein sollte. Auch Frau Knoll im Rathaus steht als Ansprechpartnerin bereit.

Jährlich machen wir auch eine Runde mit allen Kindergärten und Erzieherinnen, um etwaige Probleme anzusprechen und um uns auszutauschen.

Kuchenerbse: Zu guter Letzt noch eine persönliche Frage: Welche Punkte in der Familienpolitik würden Sie persönlich gern verbessern, wenn Sie könnten?

Lorenz Müller: Jeder nimmt ja das Thema Bildung sehr wichtig, aber man darf nicht vergessen, sich um Senioren und um Wohnraum zu kümmern. Aber Sie haben ja nach der Familienpolitik gefragt, da ist mir Chancengleichheit sehr wichtig: Die Bildungschance hängt davon ab, wie und wieviel man bereit ist, den Eltern zu helfen. Das ist für mich das Wichtigste in Sachen Familienpolitik. Die Kinder sollen später in den Schulen die gleichen Chancen zu erhalten. Dafür gehört einfach mehr Angebot und Förderung an der Schule bereit gestellt.

Kuchenerbse: Herr Müller, ich danke Ihnen vielmals für das Gespräch.

Das persönliche Interview wurde vor der Bundestagswahl 2017 geführt.


*Presse Süddeutsche Zeitung online (Quellenangabe http://www.sueddeutsche.de/bayern/prozess-erzieherin-floesst-kleinkindern-gewaltsam-essen-ein-1.3200132)

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