Eltern, die Buhmänner der Nation oder war was?

Eltern, die Buhmänner der Nation oder war was?

Ich habe lange überlegt, ob und was ich zu diesem Thema schreibe. Ob ich nicht doch einfach sage, lass gut sein, du hast so viel zu tun, nutze die Zeit für was Wichtiges. Aber vielleicht, und nur vielleicht, sind diese Worte ja auch wichtig. Weil es gefühlt aus vielen Ecken schallt, im realen Leben wie auf Facebook, Instagram und Co. Und die Stimmen sind laut.

Unter dem Hashtag “Coronaeltern” oder “ElterninderKrise” beschreiben Eltern die Krise. Sie wurden laut, weil alle Welt von der Wirtschaft redete. Auch ich habe einen Beitrag dazu verfasst. Die Mütter und Väter haben sich Luft gemacht, wollten eine Diskussion anstoßen. Durchaus berechtigt, denn Kinder bzw. Familien fielen durchs Raster. Kitas? Bleiben halt einfach zu. Schulen? Achja, nach den Sommerferien. Ausgenommen Prüfungsjahrgänge und weiterführende Schulen. Klappe zu, Affe tot. Das hat sich mittlerweile geändert. Familien sind gehört worden. Lösungen werden gesucht, mitunter waren auch einige Schnellschüsse dabei, Rückrudern inklusive.

Die Eltern von heute – totale Nieten!

Aber nun ist das auch wieder nicht okay. Viele Plattformen, vermeintliche Influencer, Politiker und auch andere Eltern – sie mokieren sich über die Coronaeltern. Früher sei man ja auch nicht in der Kita gewesen. Die armen Kinder, von den Eltern nicht gewollt. Früher, da ging man eben einfach in die Natur! Aber heute können Eltern ja nicht einmal mehr ihre eigenen Kinder beschäftigen, Sauerei! Wozu die eigentlich alle Kinder bekommen hätten, die Jammerlappen von heute!

Das sind noch die harmlosesten Aussagen. Vereinzelt sind mir wirklich widerliche Aussagen untergekommen. Ich frage mich, was ist da los? Glauben die Beteiligten ihre Thesen tatsächlich? Ziemlich steil. Es mag bei einigen wenigen so sein, ja. Aber bei 98 Prozent der #coronaeltern sind ganz andere Punkte das Problem:

  • Kinder durften absolut keinen Kontakt nach außen haben, wenn möglich nicht einmal mehr mit zum Einkaufen. Komplette Isolation. “Früher” sind die Kinder ohne Kita eben mit anderen zum Spielen gegangen. Oder mal mit zum Einkaufen. Oder, oder, oder.
  • Mittlerweile steht die Mutti meist nicht mehr nur hinterm Herd (und wenn doch, auch sie hat mal Pause, zefix!). Einen Job zu machen, und gleichzeitig Kinder zu betreuen – äh, sorry. Je nach Alter grenzwertig bis nicht möglich.
  • Es bleibt ja nicht nur beim Betreuen – Kinder sollen zu Hause bitte auch lernen. Vom Kitakind bis zum Schulkind. Daneben warten Haushalt, Job und andere Herausforderungen. Und niemand da, der hilft. “Früher” teilten sich Generationen die Aufgaben.

Die allerliebsten Aussagen waren die von der Generation Ü65, die Vergleiche mit Kriegskindern zogen. Man sei ja früher zwei Wochen im Bombenkeller gehockt, das sei auch auszuhalten gewesen und keiner hätte gejammert. Und Kita gabs auch keine!

Ich lasse die Aussage mal so stehen. Die Plattform, auf der solche Leute zum Zuge kamen, habe ich immer respektiert. Nun beklatscht sie diese Aussagen. Haben selber Kinder.

Probleme sind relativ

Es ist einfach, aus einer privilegierten Stellung heraus nach unten zu treten. Natürlich, es gibt Menschen, denen geht es weitaus schlechter. Bestimmt ist es zum Großteil auch Jammern auf hohem Niveau, guckt man nach Moria. Trotzdem: Probleme sind immer relativ. Das ist auch kein Whataboutismus, das ist Tatsache: Wir dürfen die Zustände in Moria schlimm finden und wir dürfen auch unsere eigenen Probleme schlimm finden. Das hat sich nur noch nicht so weit herumgesprochen.

In Zeiten von Social Media geht Empathie, geht Anstand den Bach herunter. Es werden Sachen in die Tasten gehauen, die würden im realen Leben nicht ausgesprochen. Es ist ein Trauerspiel. Für die, die sich zu Recht beklagen. Für Plattformen, die für Klicks stark polarisieren und im Bildzeitungsniveau im nächsten Post zur Nächstenliebe aufrufen. Für Menschen, die mit weit mehr Problemen zu kämpfen haben, man es ihnen aber nicht anmerkt: Die haben vor lauter Sorge vor dem nächsten verbalen Hammer gar kein Ventil mehr, ihren Frust herauszulassen. Was passiert dann dort?

Soweit geht das nicht, das mitfühlende Denken. Diese Besser-Erbsenzähl-Alman-Style, der kekst mich so richtig an. Diesen Leuten möchte ich sagen: Das, was ihr mir wünscht, das wünsche ich euch. Herzchen drauf. 

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Katrin

    Danke für diesen Beitrag! Er spricht mir aus der Seele!

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