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Kein Krippenplatz, kein Kindergartenplatz: Was Eltern jetzt tun können

Kein Kindergartenplatz: Hier bei uns in Schwabmünchen trifft es weit über 100 Kinder, die auf einen Krippen- oder Kindergartenplatz verzichten oder warten müssen. Deutschlandweit ist das kein Einzelfall, durch Fehlplanung, personellem Notstand und unattraktiver Ausbildung im pädagogischen Bereich fehlen überall Kindergartenplätze.

Was Eltern tun können, wenn Kindergartenplatz oder Krippenplatz abgesagt werden, fasse ich in diesem Beitrag zusammen. Leider nützen den meisten Eltern aber auch keine hohen Geldsummen vom Staat, wenn die Kinderbetreuung nicht gewährleistet ist. Und dann liest man, wenn man in Gruppen oder Foren um Rat fragt, Dinge wie

  • unsere Eltern haben das ja auch geschafft
  • warum geht die Mutter überhaupt so schnell wieder arbeiten
  • die armen Kinder sollten ihre Kindheit zuhause verbringen
  • da muss man halt selber was organisieren oder halt mal zuhause bleiben
  • früher gabs das ja auch nicht
  • ja, Hauptsache gegen den Staat klagen, wie einfach!
  • u.s.w.

Für alle, die gedanklich schon in den modernen 2000ern angekommen ist und den proletarischen 50er-Jahre-Gedanken-Mief eine Absage erteilen wollen, machen es wie ich und lesen einfach weiter und schütteln über diese dummen Aussagen den Kopf.

Wer sich ausreichend um einen Kindergartenplatz bemüht hat und trotzdem leer ausgeht, erhält vom Staat eine Kostenerstattung für Privatbetreuung. Zusätzlich können Anwaltskosten oder Verdienstausfälle eingefordert werden.

Absage für Kita-Platz erhalten, und nun?

Als erstes können Eltern den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz beim Jugendamt durchsetzen. Das Jugendamt muss dann einen wohnortnahen Platz in Krippe oder Kindergarten vorschlagen. Das kann mehrere Wochen dauern. Ist auch in der Nähe des Wohnortes alles belegt, kommt auch die Absage des Jugendamts. Dann heißt es zügig Widerspruch einlegen und auf Antwort warten. Wird der Widerspruch abgewiesen, kann beim Verwaltungsgericht geklagt werden. Erfolgreich ist die Klage auch nur, wenn irgendwo Plätze verfügbar sind. Das Gericht kann keinen Platz aus dem Hut zaubern.

Alternative zu Kindergarten und Krippe bei Absage

Weiß man, dass in der Umgebung alles belegt ist, müssen Alternativen her. Das können beispielsweise Tagesmütter oder Tagesväter, Vorschulen, private Kindergärten oder Vereine (häufig Waldkindergärten) oder Babysitter sein. Wurde eine Alternative gefunden, macht man den Anspruch auf Gebührenerstattung (Mehrkosten) bei der Gemeindeverwaltung geltend. Manchmal stellen sich Gemeinden dabei quer, daher ist das Formelle ganz wichtig: Eltern müssen nachweisen können, dass sie sich ausreichend um den Kindergartenplatz bemüht und das Jugendamt kontaktiert haben.

Sollte auch das fehlschlagen, hilft nur der Gang zum Anwalt. Diese Kosten können Eltern ebenso geltend machen wie Verdienstausfälle für die Kinderbetreuung. Allerdings greift da auch nur ein bestimmter Prozentsatz.

Ganz wichtig: Das Prozedere kann sich trotz Eilverfahren vor Gericht über mehrere Monate hinziehen. Hat man also eine Absage erhalten – in der Regel ein halbes Jahr vor Kitabeginn – sollten sich Betroffene sofort an die Arbeit machen:

  • Gemeinde und Jugendamt kontaktieren (schriftlich)
  • Alternativen im Ort kontaktieren (Wartelisteplätze!)
  • Verein mit anderen Eltern gründen (Beispiel Waldkindergarten oder Mini-Kita)
  • Gemeinden im Umkreis oder im anderen Landkreis anfragen
  • Kirchliche Träger ansprechen

Warum es okay ist, dass beide Elternteile arbeiten

Kinder haben übrigens ab einem Jahr das Recht auf einen Betreuungsplatz. Auch wenn viele noch nicht verstehen warum das so wichtig ist: Auch Frauen wollen/müssen arbeiten, auch wenn noch häufig der Mann Hauptverdiener ist. Und das ist aus verschiedenen Gründen gut so:

  • Arbeiten gegen Altersarmut – schon jetzt gibt es bei der Rente durch die Inflation Einbußen. Außerdem sind Frauen durch PayGap und Elternzeiten stärker davon betroffen
  • Arbeiten gegen Abhängigkeit – toxische Beziehungen lassen sich leichter lösen, wenn frau unabhängig ist
  • Arbeiten fürs eigene Ego – klingt erstmal blöd, ist aber wichtig: Frauen wollen auch nicht ständig über Stillthemen, Schwangerschaftsbäuche und Babybrei reden, sondern ihre Karriere fortsetzen. Und eine Pause vom Eltern sein braucht jeder mal. Früher war da das Dorf, das die Kinder mit groß zog, das gibt’s heute so nicht mehr.
  • Gleichstellung. Ganz einfach.
  • Es braucht schlichtweg zwei Gehälter (look at Energiepreise und Wohnungsmieten)
  • Chancengleichheit. Bis das soweit ist, können wir unseren Kindern den Weg bereiten.
  • Der Beruf der Frau/des Mannes ist wichtig, wird dringend gebraucht und regional total unterbesetzt (Lehrerin, Erzieherin, Psychologin usw.)
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Das waren nur einige Beispiele für toxische Nichtversteher und Gruppengifter. Natürlich werden die es trotzdem nicht verstehen (wollen). In anderen Ländern wird nicht so ein Gewese darum gemacht: Da gibt es genug Plätze in Krippe und Kindergarten, weil die meisten Frauen nach drei bis sechs Monaten wieder Vollzeit arbeiten gehen. Auch in Europa. Dass hier (vorwiegend) Frauen drei Jahre zuhause bleiben, ist nicht selbstverständlich. Ich weiß noch, wie mein Mann vom erstaunten Blick seiner französischen Arbeitskollegin gesprochen hat, bzgl. Kinderbetreuung bei uns. Sie war da gerade mit drei Kindern in Münchens S-Bahn auf dem Weg zu Kindergarten und Job: “In Frankreich gehen die Mütter nach einigen Monaten wieder arbeiten, das ist ganz normal bei uns.”

Elternzeit und Mutterschutz weltweit

Bezahlte Elternzeit von mindestens einem Jahr (oder mehr) gibt es in ca. 36 Ländern. In 18 weiteren Ländern erhalten Mütter Elternzeit und Elterngeld (26-61 Wochen). Papua-Neuguinea, Mikronesien, die USA und sechs weitere Länder bieten gar keine bezahlte Elternzeit an. Dafür ist Deutschland Schlusslicht beim Mutterschutz. Hier ist ein Link, wie der Mutterschutz in Europa im Vergleich geregelt ist.

Fehlplanungen oder  und Fachkräftemangel?

Da in Deutschland alles bürokratisiert wird, frage ich mich schon, wie es um Statistikberechnungen bestellt ist – bei so vielen fehlenden Kindergarten- und Krippenplätzen. Aber das beginnt ja nicht dort und hört auch nicht dort auf: Angefangen bei Geburtsstationen bis zu Lehrermangel an Grund- und weiterführenden Schulen: Unsere zukünftigen Rentenzahler sollen bloß nicht zu sehr verwöhnt werden, gell?!

Leider liegt es nicht allein an Fehlplanungen. Tatsächlich fehlen deutschlandweit Erzieherinnen und Erzieher. Der Beruf der Kinderpfleger fängt das nicht auf. Das könnte natürlich daran liegen, dass der Ausbildungsberuf zum Erzieher*in über Jahrzehnte sehr unattraktiv gestaltet wurde. Auszubildende erhielten keine Ausbildungsvergütung während der ersten zwei Jahre. Geändert hat sich nur regional (Modellversuche) was, eine einheitliche Änderung wie 2018 von Familienministerin Giffey vorgeschlagen, verpuffte augenscheinlich. Wer kann sich die Ausbildung ohne Vergütung heutzutage leisten? Hmmmm.

Außerdem werden pädagogische Fachkräfte auf mehreren Ebenen gebraucht, zum Beispiel in Familienberatungsstellen, Wohnheimen, Ferienheimen oder Suchtberatungsstellen. Laut Deutschem Städtetag fehlen in den kommen Jahren rund eine VIERTELMILLION Erzieher*innen. Der bayrische Gemeindetag warnt, auf Anfrage des BR, dass die Lage in Bayern schon sehr angespannt sei.

Ach.

Was ich noch schreiben möchte: Einige Foristen schreiben munter, dass es freie Plätze gibt, die für Flüchtlinge frei gelassen werden müssen. Das ist einfach nur – Bullshit. Danke. 

Habt ihr einen Kindergartenplatz bekommen? Oder sucht ihr nach einer Alternative?

Achja; alle Angaben ohne Gewähr, ich bin keine Anwältin und Gesetze ändern sich ja auch laufend 🙂

Dieser Beitrag hat 12 Kommentare

  1. Stefanie

    Jetzt muss ich doch Mal schreiben! Ein kleiner Gedankenanstoß: Ein sehr sehr großer Anteil Deutscher wurden mit ca. 6 Wochen (spätestens mit einem Jahr) in die Krippe gegeben. Ich gehöre auch dazu. Man nennt sie ehem. DDR-Bürger 😉
    Ich verstehe diese Diskussion überhaupt nicht. Was spricht gegen eine arbeitende Frau / arbeitenden Mann die / der Kinder hat. Hier ist die Diskussion genau andersherum. Eine Mutter, die nicht nach 12 Monaten (voll) arbeiten geht, ist absolute Ausnahme. Die meisten Familien haben hier aber auch schlichtweg keine andere finanzielle Möglichkeit. Nur ist, aufgrund der Geschichte, die KiTa Situation nunmal auch besser, auch wenn nicht gut.

    Es wäre schön, wenn Mütter wie Väter einfach aus ihrer emotionalen Lage heraus entscheiden könnten, ohne finanziellen oder gesellschaftlichen Druck. Einfach wie es zur Familie passt!

    Ach und zur ukrainischen Erzieher*in: Die Bezugserzieherin meines zweijährigen Sohnes ist Ukrainerin. Wir lieben sie. Und, auch wenn das keine wissenschaftliche Aussagekraft hat, mein Sohn spricht überdurchschnittlich gut deutsch. Ich bin schockiert über dieses beschriebene Gedankengut. Was ist die Alternative? Besser 1-2 deutsch lernende Fachkräfte als verarmte Familien, überforderte Großeltern, sozial unterentwickelte Kinder oder Schlüsselkinder ? (Etwas überspitzt gesagt). Ich denke da spricht nicht die Sorge um die Sprachentwicklung der Kinder …

  2. Susi

    Eine Anekdote: Telefonat mit einer Erzieherin im Schwabmünchener Umland. Ich so, leicht verzweifelt, nach einer von vielen weiteren Absagen f. Kita-Plätze: “Können Sie nicht ukrainische Erzieherinnen einstellen? Bitte?” Sie fragt mich: “Wollen Sie, dass Ihr Kind gebrochenes Deutsch lernt?” Die ganze Autofahrt musste ich darüber nachdenken, ob eine der Alternativen besser wäre… ich kenne z. B. ein Ärzte-Ehepaar, die auf ein Au Pair aus Südafrika zurück gegriffen haben. Das spricht doch sicher auch gebrochenes Deutsch. Ist das besser? Sie sind übrigens sehr zufrieden mit dem Au Pair. Allerdings wäre mir eine Kita doch lieber, alleine schon wegen der Sozialkontakte für die Kinder. Dazu die Hoffnung, dass Sie Freundschaften im Kiga schließen können und bereits Kinder in der Grundschule kennen. Was meint ihr dazu?

    1. Kuchenerbse

      Hallo Susi,
      vielen Dank für deine Erzählung. Die Aussage finde ich krass, da sie viel Kontext trägt. Und das ist nicht positiv besetzt.
      Eine Bekannte von mir schickt ihr Kind aus der Not heraus in Polen in den Kindergarten (Grenzstadt), das klappt ganz wunderbar. Und meine Nichten wachsen zweisprachig auf, da ist nix mit “gebrochen deutsch”. Tatsächlich würden die positiven Dinge gewinnen, wie Integration, soziale Interaktion uvm. Leider haben das noch nicht alle verstanden. Und Aupairs sprechen normalerweise gar kein Deutsch, die lernen das erst. Für die Kinder ein echter Gewinn – das meine ich ernst. So lernen sie fremde Kulturen schon früh kennen. Schade, dass so eine flapsige Antwort hinausposaunt wird – ohne jegliche Reflexion.
      Liebe Grüße

      1. Susi

        Ich vermute, das ist ein klassisches Missverständnis à la 4-Ohren-Modell von Friedemann Schulz von Thun. Zumindest ging es mir beim Schildern der Situation um einen Versuch der Problemlösung und dabei um etwas völlig anderes als ich nun aus der Antwort herauszulesen meine.

        1. Kuchenerbse

          Hab ich mich wieder verzettelt? Ohweia 😀

      2. Susi

        Ein Teil des Problems besteht im Fachkräftemangel (Kinderpflege, Erziehende). Die Lösung könnte m. E. im Einsatz von Fachkräften aus dem Ausland bestehen. Wie mir mitgeteilt wurde, widerspricht dies wohl dem Bildungsauftrag, den Kindergärten von dem Landkreis? (An dieser Stelle bin ich mir beim genauen Wortlaut nicht mehr sicher) bekommen. Argumentiert wird damit, dass gerade in den ersten Lebensjahren der Spracherwerb ein wesentlicher Teil des Bildungsauftrages ist und das nur auf Muttersprachniveau gewährleistet werden kann. Daraufhin stellt sich mir die Frage, ob diese Vorgehensweise heutzutage Sinn macht. Ein Au Pair als Alternative lernt ja auch erst Deutsch.
        Danke für die Geduld, mit zwei kleinen Kindern, die einen auf Trab halten, ist das genaue das Formulieren bisweilen eine Herausforderung. Ebenso das Vermeiden von Tippfehlern…

        1. Kuchenerbse

          Da kann ich mitreden, als Mutter von zwei kleinen Kindern 🙂
          Puh, ob das nicht veraltet ist? Ich glaube, in das Thema lese ich mich mal rein, danke für deinen Input 🙂
          lg

  3. Susi

    Was da steht über das europäische Ausland kann ich nur bestätigen. Ich war 5 Jahre in der Schweiz und dort ist es ebenso wie in Frankreich normal, dass Kinder ab 3 Monaten in eine Krippe oder zur Tagesmami abgegeben werden, damit die Mutter arbeiten gehen können. Weder erscheinen mir die Leute dort in irgendeiner Art und Weise “gestört” dadurch noch leidend. Ganz im Gegenteil! Allerdings wird auch wesentlich mehr Geld im Bildungsbereich ausgegeben.

    1. Kuchenerbse

      Ja, Deutschland tickt schon sehr seltsam, wenn es um Kinder und Familie geht. Und das in jedem Bereich.
      Tatsächlich könnte ich das gar nicht leisten, was die Erzieherinnen bei uns in Krippe und Kindergarten machen. Die machen wirklich tolle Dinge mit den Kids, die lernen so viel, sind viel draußen, haben Interaktion mit Gleichaltrigen…
      Leider kommen Kinder häufig “zuletzt”, wenn man sich die letzten Jahre Familienpolitik und Coronapolitik ansieht. Hier könnte Deutschland besser werden. Viel besser.
      Die Schweiz ist glaube ich ja sehr kinderfreundlich, oder?
      lg

  4. Susi

    Danke für diesen Artikel! Er spricht mir aus der Seele.

    1. Kuchenerbse

      Vielen lieben Dank 🙂 Das freut mich wirklich sehr <3

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