Die eine unbequeme Wahrheit, die wir oft nicht laut aussprechen wollen. Die Rücksichtslosigkeit anderer Eltern.
Die, die sich vor Konflikten mit ihren Kindern scheuen oder sich einfach nichts denken. Ja, nicht jede elterliche Nachlässigkeit entsteht durch Überforderung oder Erschöpfung. Manchmal ist das ganz einfach Egoismus. Oder Ignoranz. Und ja, das dürfen wir ruhig so nennen.
Ein Kind tobt durchs Restaurant, kriecht unter die Nachbartische, stößt im Rennen an Stuhllehnen, während der Gast gerade die Tomatencremesuppe löffelt. Die Eltern lächeln, „ist eben ein lebhaftes Kind“. Und unterhalten sich weiter.
Ein anderes Kind tritt wieder und wieder mit voller Wucht gegen die Vordersitze im Flugzeug. Die Mutter reagiert aufs Ansprechen säuerlich und ohne Verständnis. Sie lässt das Kind einfach weitermachen und liest ihr Magazin weiter.
Zwei Beispiele von vielen. Ja, das mögen drastische Beispiele sein und das sehe ich auch nicht jeden Tag, dennoch habe ich beides bereits erlebt.
Es sind diese Beispiele, die alle Eltern in Verruf bringen. Die Quittung sind Hausverbote für Kinder in Restaurants oder Hotels, neuerdings auch in französischen Zügen geplant. Ob das richtig ist, darüber kann man vortrefflich streiten. Aber darum geht es auch nicht. Es geht mir um die Eltern, denen das Verhalten ihrer Kinder so egal ist, dass das schon rücksichtslos ist.
Kinder sind so – Ja, aber…
Manch einer mag mit dem Alter des Kindes argumentieren. Sicher, die Selbstregulierung von Kindern klappt je nach Altersstufe mehr schlecht als recht. Und ja, Kinder sind bewegungsfreudig. Absolut. Sie sind auch gern laut, weil die Gefühle aus ihnen herauspurzeln. Das alles stelle ich nicht in Frage.
Dennoch sind Kinder schlaue Menschen. Wir Eltern können ihnen Dinge erklären, Wissen vermitteln. Wir tragen Verantwortung für ihr Wohlbefinden. Daher können wir im Flugzeug mit ihnen auf und ab gehen, um ihnen Bewegung zu verschaffen. Wir können NEIN dazu sagen, dass sie gegen Vordersitze treten. Wir können das NEIN auch freundlich, aber bestimmt durchsetzen.
Eltern können ein Nein durchaus durchsetzen – wenn sie wollen
Wovor scheuen sich die Eltern? Vor dem Konflikt mit dem Kind? Wo, wenn nicht in einem sicheren Rahmen können Kinder den Umgang mit einem NEIN lernen? Lernen, was es bedeutet zu diskutieren.
Wir können Kindern respektvollen Umgang in der Öffentlichkeit vermitteln. Auch ein bewegungsfreudiges Kleinkind muss nicht unter fremde Tische krabbeln und die Tischnachbarn stören. Wir Eltern müssen dazu in der Lage sein, unserem Kind Alternativen aufzuzeigen.
Und immer wieder erlebe ich Mütter und Väter, die ihre große Freiheit durch die Rücksichtslosigkeit ihrer Kinder im öffentlichen Raum ausleben. Bequemlichkeit trifft auf Egoismus.
Diskussionen kosten Eltern Nerven. Für Konsequenzen muss man standhaft sein. Ein NEIN ist oft anstrengend, es zieht Tränen nach sich, Geschrei, wenn man Pech hat.
Ich bin mir manchmal nicht sicher, ob diese Eltern glauben, dass andere Leute schon eingreifen werden (Spoiler: Ich tue das durchaus, gewinne damit aber keinen Beliebtheitspreis). Sollen die das doch regeln. Das Dorf hat ja früher die Kinder mit großgezogen.
Nun ja, das schon, dennoch trägt in erster Linie das Elternteil die Verantwortung. Und mischt man sich ein, fühlen die sich auch noch auf den Schlips getreten.
Ein anderer Punkt, den Eltern gern zitieren, ist das freie Entfalten des Kindes. Damit wird allerdings unterschwellig suggeriert, dass Regeln nur für die anderen gelten. Freiheit endet dort, wo es andere beeinträchtigt: Das sind sich viele nicht bewusst.
Das Kind als Verlängerung des eigenen Egos
Ein weiterer Aspekt ist subtiler. Kinder werden von einigen Eltern gern inszeniert. Sie spiegeln dabei das Selbstbild der Eltern. Kritik am Kind wird als Kritik an der eigenen Person erlebt.
Die Entwicklungspsychologie spricht hier von fehlender elterlicher Rollenklärung. Wer nicht klar zwischen eigener Identität und Kind unterscheidet, handelt aus Selbstschutz – nicht aus Erziehungsverantwortung.
Eine Zumutung an andere
Es ist eine Zumutung, wenn Eltern erwarten, dass Lehrkräfte Disziplin lehren und übernehmen sollen, die zu Hause überhaupt nicht stattfindet.
Es ist eine Zumutung für andere Betreuungspersonen, weil „bei uns gibt es diese Regeln nicht, das Kind muss sich nicht daran halten“.
Es ist eine Zumutung, wenn Mitreisende im Zug oder Flugzeug die Dauerbeschallung ertragen sollen, weil Kopfhörer für das Hörspiel „das Kind einschränken“ (da nehme ich auch einige erwachsene Mitreisende nicht aus).
Rücksichtnahme ist keine altmodische Tugend. Sie ist unsere Grundlage von Zusammenleben – in einer sozialen Gesellschaft.
Und wer sie bewusst ignoriert, handelt egoistisch.
Guter Egoismus, schlechter Egoismus
Wenn Kinder erleben, dass ihre Eltern eigene Bequemlichkeit über soziale Verantwortung stellen, lernen sie dabei, dass ihre eigenen Bedürfnisse immer über denen anderer stehen.
Ja, gesunder Egoismus ist wichtig. Aber eben nicht nur.
Einige Eltern nutzen die bedürfnisorientierte Erziehung als Argument für ihre Erziehung. Leider haben sie das Thema verfehlt, setzen, sechs. Denn bindungs- und bedürfnisorientierte Erziehung ist immer noch kein Freifahrtschein. Das gilt ebenso für Kinder mit Neurodivergenz. Sicher gibt es auch hier Ausnahmen, aber die sind eben nicht die Regel. Und die allermeisten von ihnen sind sehr empathisch und verstehen durchaus, was rücksichtsloses Verhalten anrichten kann. Es sind die Eltern, die das vermitteln sollten.
Der Trend, allem mit Verständnis zu begegnen, mündet in dem Missverständnis, rücksichtsloses Verhalten zu tolerieren. Und zu entschuldigen.
Wer aus Bequemlichkeit keine Grenzen setzt, wer aus Egozentrik Rücksicht verweigert, wer die eigene Komfortzone über das soziale Miteinander stellt, handelt verantwortungslos. So einfach ist das.
Am Ende geht es nicht darum, Kindern alles zu verbieten. Sie müssen keine angepassten perfekten kleinen Erwachsenen sein. Aber Eltern sollten ihre Verantwortung übernehmen und ihrer gerecht werden.
