Vereinbarkeit am Pöppes – du hast nur 24 Stunden

Vereinbarkeit am Pöppes – du hast nur 24 Stunden

Auf der Liste für das Unwort des Jahres stehen bei mir gleich drei Begriffe ganz oben: Asyltourismus, DSGVO und Vereinbarkeit. Vereinbarkeit? Im Ernst? Okay, das mit Asyltourismus (wer hat denn den Unsinn erfunden?) gleichzusetzen, klingt zugegebenermaßen erst einmal drastisch. Aber das ist ja auch nicht so, mir geht es ja um das “Unwort” ansich.

Vereinbarkeit klingt nicht nur romantisiert, das ist es auch. Müttern und Vätern wird mit diesem unschuldigen, adretten Wort vorgegaukelt, sie könnten alles wuppen. Wenn sie sich nur genügend anstrengen. Andere schaffen es ja auch. Hmm.

Vereinbarkeit. Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Von Partnerschaft und Elternsein. Von Freizeitausgleich und Weiterbildung.

Wisst ihr, der einzige Haken an der Sache ist die Zeit: Der Tag hat nur 24 Stunden. Und in diesen 24 Stunden, da müssen noch andere Nebensächlichkeiten Platz finden: Schlaf zum Beispiel. Oder Essen. Und die drei Liter Wasser mit Gurken und Zitrone, um Himmels Willen! Die müsst ihr auch noch trinken! Und Pausenbrote schmieren. Oder Tränen trocknen. Auf dem Sofa sitzen und “ich sehe was, was du nicht siehst” spielen. Den Rasen mähen. Geburtstagskuchen backen. Den Grill säubern. Katzenhaare wegsaugen. Zum Arzt gehen. Stofftiere per Hand waschen. Deinen Lieblingsblog lesen.

Und einfach mal nichts tun.

Oh Schreck – nichts tun? Das kann ich mir nicht leisten!

Oh doch, im Rahmen der Vereinbarkeit hat das Nichtstun einen besonders hohen Stellenwert. Kommt aber leider oft zu kurz. Genauso wie sogenannte “Quality time” mit seinem PartnerIn. Oder auch das Zeit nehmen für sich selbst. Das läuft ungefähr auf Rang 386.

Mehr Selbstorganisation

Da bleibt am Sonntag mal zwei Stunden freie Zeit, da geht garantiert etwas kaputt. Oder wird gebaut. Oder organisiert. Unsere letzten Wochenenden verbrachten wir wechselweise im Auto (kostenlose Terrassenplatten aus Starnberg holen), auf dem Stellplatz vorm Haus (Autositze- und Teppiche ausbauen weil Staunässe), im Garten (Büsche schneiden, Obst ernten), in der Küche (Marmelade einkochen), im Keller (Wäsche waschen), usw. Ich meine, ihr kennt das bestimmt. Trotzdem verfallen Eltern diesem unfassbaren Ehrgeiz, alles auf die Reihe zu kriegen.

“Es geht so weiter wie bisher, das Kind läuft einfach nebenher mit.” AHAHAHAHAHA!

Jede Mutter grinst sich eins, wenn ich diesen Beispielsatz anbringe. Und für diesen Beitrage habe ich mit einigen Müttern gesprochen (sie wussten das nur nicht). Die Quintessenz: Alle zehn Mütter fielen diesem Irrtum zum Opfer. Die Väter brauchen länger, um zu realisieren, dass Vereinbarkeit eine einzige Farce ist. Sie hecheln meist bis zum Burn-Out der Perfektion hinterher: Sie wollen weiterhin ein toller Ehemann, großartiger Kollege und sorgender Sohn sein. Und in der neuen Rolle des Vaters glänzen. Meist legt sich das nach einiger Zeit, gerade wenn weiterer Nachwuchs ins Haus steht.

Wer den Hang zur Perfektion hat, der tut sich schwer mit der sogenannten Vereinbarkeit. Denn leiden sollen ja weder

  • Kinder
  • Ehepartner
  • Eltern
  • Haustiere
  • Haus oder Wohnung
  • Job
  • Garten
  • Hobby
  • Freizeit
  • Freunde.

Sehen wir uns die Aufzählung einmal genau an. Wenn wenig Zeit bleibt, wo spart ihr dann? Ich bin ehrlich, ich spare meine Zeit bei Hobby, Freizeit und Freunden ein. Und auch mal im Haushalt. Weil der Tag nun einmal nur 24 Stunden hat. Bei mir dürfen sich Wäscheberge türmen. Bis mein Mann Feierabend macht, der macht dann den Gipfelstürmer und sagt dem Wäscheberg den Kampf an. Dafür sitze ich Abends vorm PC und arbeite, er liest. Die Aufteilung ist nicht ganz gelungen, doch unsere Selbstorganisation ist bereits viel besser als noch vor einem Jahr.

eltern-vereinbarkeit
Gerade Männer erliegen häufig dem Erwartungsdruck und bewegen sich damit auf dünnem Eis.

 

Ich bin mir vollkommen bewusst, dass einige Sachen nun anders funktionieren als vor einigen Jahren, als Kinderlose. Dafür habe ich einiges in Sachen Selbstorganisation gelernt. Und in der Theorie, da weiß ich auch, wie wichtig Auszeiten sind.

Tipp für mehr Selbstorganisation – die 18-Minuten-Regel

Peter Bregman will sein Leben als Ganzes planen und fängt klein an:  Tag für Tag – mit seiner  18-Minuten-Regel. Was ist die 18-Minuten-Regel? Und wie funktioniert das System zur Selbst-Organisation?

Zuerst nimmst du dir morgens fünf Minuten Zeit, um den Tag zu planen. Das kann noch im Bett sein oder gedanklich beim ersten Kaffee. Mach dir ruhig Notizen.

Jetzt stelle dir im Laufe des Tages eine Erinnerung, einen Wecker, der stündlich (!) klingelt. Bei einem normalen Arbeitstag sind das 8 Stunden. Immer, wenn der Wecker klingelt, halte eine Minute inne und lasse die vergangene Stunde Revue passieren: Hast du etwas Sinnvolles gemacht? Die Stunde für dich gut genutzt?

Das sind am Tag gerade mal acht Minuten! Am Abend lasse den Tag noch einmal für fünf Minuten Revue passieren: Etwa beim Zähneputzen. Was hast du heute alles erreicht? Was musst du morgen machen? Fasse den Tag Folgetag in zwei Worten zusammen und behalte ihn im Kopf.

Wenn du das System zu mehr Selbstorganisation täglich anwendest, merkst du bald einen Fortschritt im eigenen Verhalten – probier das mal zwei Wochen aus – nur 18 Minuten am Tag. Bald merkst du, wie du deinen Tag sinnvoll gestaltest. Und, liebe Eltern, das kann auch durchaus eine positive Beschäftigung mit den Kindern sein, nicht nur “Arbeit” im eigentlichen Sinne! Die 18-Minuten-Regel soll das eigene Leben so harmonischer gestalten. Ich teste das jetzt mal und berichte euch in zwei Wochen. Macht ihr mit?

Letztes Jahr war mein Mann Skifahren, ich auf zwei Messen im Ruhrpott. Jeweils alleine mit Freunden. Dieses Jahr war mein Männe wieder alleine Skifahren (ich bin eher der Strandtyp), dafür bin ich nach Sevilla geflogen – allerdings mit Kind und Freunden. Trotzdem sind diese Auszeiten vom Alltag sehr wichtig.

Der Wäscheberg darf sich türmen. Das Geschirr darf sich stapeln. Die Hecke darf wuchern. Das Auto darf dreckig sein. Das Unkraut darf wachsen. Das Spielzeug darf liegen bleiben: Das ist ein Plädoyer für mehr “Selbst-Zeit”.

Ich meine, das Zeug läuft nicht weg. Und die Insekten danken es, wenn es im Garten wuchert. Es reicht auch noch nächste Woche. Oder der nächste Tag. Leg die Beine hoch. Häng den Haushalt doch einfach mal einen Tag an den Nagel. Nimm dir etwas Zeit für dich. Oder macht einen kleinen Ausflug in die Region; das wirkt schon wie ein Kurzurlaub. Wichtig ist, WIE die Zeit verplant ist.

Mehr Selbst-Zeit

Und glaubt um Himmels Willen den Anderen nicht alles: Die, die scheinbar alles so locker wuppen. Das ist der Schein nach außen. Auch diejenigen haben ihr Päckchen zu tragen; haben vielleicht Geldprobleme, oder mit der Gesundheit zu kämpfen, sind in Gedanken längst geschieden oder haben Affären. Wisst ihr, es ist nicht alles Gold was glänzt. Eine Beziehung ist harte Arbeit. Ja, Arbeit. Eitel Sonnenschein war mal. Mit Kind ändert sich auch das. Du lernst den Partner völlig neu kennen. Und er dich. Und dann erklärt dir Gott und die Welt, dass du alles perfekt wuppen sollst.

Aber das geht nicht. Macht euch frei davon. Wie? Ganz einfach: Schreibt mal einige Tage auf, wie ihr den Tag verbringt. Und dann listet ihr auf, was ihr eigentlich alles machen WOLLTET. Und wenn ihr genau hinseht, seht ihr, dass euer Plan nicht aufgeht. 24 Stunden, ihr wisst schon.

Bringt stattdessen ein wenig Organisation in eure Familie. Das kann tatsächlich ein Kanban-System sein, ein Essensplan, ein Familienkalender, ein Haushaltsplan – Hauptsache, ihr fangt an (und bleibt agil). Dann bekommt ihr zwar immer noch nicht alles hin, seid aber entspannter, da ihr “nach Plan” handelt.

Und freie Zeit bekommt dort auch einen Platz. Solange kein Kind krank wird, versteht sich: Vereinbarkeit, rutsch mir doch den Pöppes runter!

Vereinbarkeit, ein Reiz-Thema, das auch andere BloggerInnen bewegt. Mehr dazu bei:

vereinbarkeit-eltern

Vereinbarkeit ist das, was du draus machst.

 

 

 

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