Gewalt an Grundschulen: Ein Thema, dass leider nicht ernst genommen wird. Ein Thema, dass sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht – zumindest an öffentlichen Grundschulen. Ich möchte mit meinem heutigen Beitrag einen Appell aussprechen, Gewalt an Grundschulen NICHT auf die leichte Schulter zu nehmen.
„Mama, wenn man kein Kickboxen macht, wird man eben verprügelt. Nur bei denen, die kickboxen, trauen sich die nicht.“
Solche Worte sind es, die ich nicht aus dem Mund eines Neunjährigen hören möchte. Was mich aber noch mehr mitnimmt ist, dass so etwas zum neuen Schulalltag gehört. Ehrlicherweise ist das ja schon seit Jahren so, aber an uns ging der Kelch meist vorüber. Aber an die Geschichten befreundeter Eltern erinnere ich mich gut.
Warum werden die Kinder immer aggressiver?
Neulich wurde Zivilcourage unter Erstklässlern bestraft: Ein Junge ist eingeschritten, als ein Mädchen geärgert wurde. Daraufhin wurde er so vermöbelt, dass die Jacke kaputt ging und das ganze Kind voll mit Schlamm war. Zu guter Letzt wurde der Kopf des Opfers gepackt und auf einen Stein gehauen, mit den Worten, jetzt habe er seine Lektion hoffentlich gelernt.
Wer als Reaktion jetzt etwa Strafmaßnahmen erwartet hat, wird enttäuscht. Einzig der Sozialarbeiter wird eingeschaltet. Die Lehrer haben nichts mitbekommen. Für die Tat gab es Zeugen. Und nein, das waren keine Kinder „aus dem Milieu“. Das waren sechs, sieben Jahre alte Kinder. Die Eltern, bei der Behörde.
Ich glaube, ich stehe nicht alleine mit der Frage da, wie so eine Situation dermaßen eskalieren kann und Kinder so reagieren. Ein Erklärungsversuch (und nichts davon wird das Verhalten letztlich erklären, weil wir nicht dabei waren und nicht hinter die Kulissen blicken können). Den Kindern zuliebe hoffe ich allerdings, dass sie diese Tat reflektieren können und die Unterstützung erhalten, die sie brauchen.
Warum Aggression und Gewalt an Grundschulen zunimmt
1. Familiärer Stress & belastete Erziehungsstile
Hoher Stress in der Familie – Zeitdruck, finanzielle Sorgen, Krankheit, psychische Belastungen – erhöht das Risiko für harsche, inkonsequente oder emotional wenig verfügbare Erziehung. Studien verweisen darauf, dass autoritäre oder vernachlässigende Erziehungsstile sowie Eltern, die selbst Gewalt als „Erziehungsmittel“ nutzen, klar mit mehr aggressivem Verhalten der Kinder zusammenhängen. Auch Überforderung der Kinder durch sog. „Laissez-faire“ Erziehung spielt eine Rolle. Über Erziehungsstile habe ich hier geschrieben.
Kinder lernen, wie Konflikte „gelöst“ werden, indem sie ihre Eltern beobachten. Werden Wut, Beschimpfungen oder körperliche Strafen normalisiert, ist die Hemmschwelle für eigene Aggression niedriger.
Stress gibt es in jeder gesellschaftlichen Lage – in der einen Familie eher durch Existenzangst, in der anderen durch Karriere- und Leistungsdruck. Gewaltbereiter oder emotional distanzierter Erziehungsstil ist kein exklusives Phänomen einer „Unterschicht“.
2. Frühe Belastungen, Trauma & Vernachlässigung (ACEs)
„Adverse Childhood Experiences“ (ACEs) – also frühe Erfahrungen wie häusliche Gewalt, ständige Konflikte, Alkoholprobleme, psychische Erkrankungen der Eltern oder emotionale Vernachlässigung – erhöhen massiv das Risiko für spätere Aggressivität, Impulsivität und Probleme mit der Emotionsregulation.
Das Stresssystem des Kindes (Cortisol, Nervensystem) wird dauerhaft hochgefahren. Kinder reagieren schneller mit Kampf-/Fluchtreaktionen – also auch mit aggressivem Verhalten – statt ruhig zu bleiben. Häusliche Gewalt, Alkohol, psychische Erkrankungen, emotionale Vernachlässigung kommen in allen Milieus vor. In privilegierten Familien sind sie oft besser versteckt, aber nicht weniger schädlich.
„Weißt du, Oma, die zwei Jungs in meiner Klasse haben mich diese Woche verhauen. Ja, die haben mich festgehalten, obwohl ich es nicht wollte. Meine Schulter tut immer noch weh.“ (Lisa*, 6 Jahre alt)
3. Psychische Gesundheit von Kindern – auch als Pandemie-Folge
Studien aus Deutschland zeigen, dass seit der COVID-19-Pandemie emotionale Probleme, Ängste, depressive Symptome und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern zugenommen haben.
Kinder mit innerem Stress, Angst und Überforderung haben weniger „Puffer“, um Frust auszuhalten. Aggression ist oft ein Ausdruck von Not, Hilflosigkeit oder Überforderung – besonders bei Kindern, die Gefühle noch nicht gut differenzieren und verbalisieren können. Auch neurodivergente Kinder stehen mit Überforderung oft alleine da, vor allem wenn sie undiagnostiziert und ungesehen sind.
Schulschließungen, Kontaktbeschränkungen, familiäre Spannungen haben nahezu alle Familien getroffen – wenn auch unterschiedlich stark. Psychische Probleme machen vor Bildung, Einkommen oder Wohngegend keinen Halt.
4. Digitale Medien, Bildschirmzeit & Schlafprobleme
Die Forschung ist relativ einig: Viel und unstrukturierte Bildschirmzeit ist zwar kein alleiniger Auslöser, steht aber in Zusammenhang mit externalisierenden Problemen (Unruhe, Impulsivität, Aggression) – besonders bei über 2 Stunden täglich und wenig Begleitung durch Erwachsene. Bei unkontrolliertem Medienzugang, etwa durch ältere Geschwister, entsteht u.U. Überforderung, die sich durch Aggression entlädt oder auch Suchtverhalten.
Weniger Schlaf, schlechtere Schlafqualität führen zusammen mit weniger körperlicher Bewegung zu einer erhöhten Reizbarkeit. Auch die Frustrationstoleranz sinkt. Ständige Reizüberflutung und Dopamin-Kicks durch Videospiele oder bestimmte Medien (Tiktok, Reels, Serien die so aufgebaut sind, Spiele mit Belohnungssystem) erschweren das Aushalten von Langeweile und Frust.
Tablets, Smartphones und Streaming sind heute in nahezu allen Haushalten angekommen. Der Unterschied liegt weniger im „Ob“, sondern im Wie: Wird begleitet, begrenzt, erklärt – oder läuft das Gerät als Dauerkulisse?
5. Mediengewalt & Normalisierung von Aggression
Meta-Analysen zeigen: Kinder, die regelmäßig Gewalt in Filmen, Serien oder Games konsumieren, zeigen im Schnitt etwas mehr aggressives Verhalten. Der Effekt ist nicht gigantisch, aber robust – und unabhängig von sozioökonomischem Status oder Intelligenz der Kinder.
Gewalt als „normale“ Konfliktlösung wird gelernt (Modelllernen). Empathie kann kurzfristig gedämpft werden, die Hemmschwelle sinkt. Mediengewalt ist kein Nischenproblem. Premium-Serien, Blockbuster-Games, YouTube & Co. erreichen Kinder in allen Milieus – oft ohne Altersfreigabe oder Begleitung ernsthaft zu beachten.
Bereits im Kindergarten haben einige Kinder „Squid Game“ nachgespielt. Im Grundschulalter sehen sie solche Serien regelmäßig.
„Ich bin schon oft mit dem Tod bedroht worden. Das ist mir egal, die Schülerin macht das dauernd. Aber ich bin ja stärker als sie. Dafür ärgert sie uns mit ihrer Mädchen-Gang und erzählt Lügen bei der Lehrerin über uns“. (Tom*, 9 Jahre alt)
6. Schule als Stressort: Mobbing, Überforderung & fehlende Strukturen
Studien zu Mobbing in deutschen Grundschulen zeigen auf, dass ein großer Teil der Kinder regelmäßig Opfer oder Täter von Bullying ist.
Gleichzeitig stehen Grundschulen unter Druck: Personalmangel, heterogene Klassen, Inklusion ohne ausreichende Ressourcen, hoher Leistungs- und Bewertungsdruck.
Kinder erleben Schule als Ort, an dem sie sich ständig behaupten müssen.
Aggressive Dynamiken im Klassenraum betreffen alle – ganz egal, ob die Kinder aus Akademiker- oder Arbeiterhaushalten kommen. Manche Kinder bringen mehr Ressourcen mit (z.B. Eltern, die vermitteln), aber der Stress im System trifft alle.
7. Biologische & temperamentelle Faktoren (keine Entschuldigung, aber ein Puzzleteil)
Eine aktuelle Übersicht zeigt, dass genetische Faktoren 50–65 % der Varianz bei starker Aggressivität erklären können.
Das heißt nicht, dass „Aggression in den Genen steckt“ und unveränderbar ist, aber: Temperament (z.B. hohe Impulsivität, geringe Frustrationstoleranz) hat auch biologische Wurzeln. Beispielsweise die geringe Frustrationstoleranz neurodivergenter Kinder – oder die geringe Impulskontrolle.
Kinder mit „explosivem“ Temperament brauchen mehr Unterstützung beim Lernen von Emotionsregulation. Ohne passende Förderung wird aus Temperament schnell ein dauerhaftes Verhaltensmuster. Wenn Eltern das nicht erkennen, liegt es (leider) an den Lehrkräften, eine Lösung zu finden – damit der Klassenfrieden bestehen bleibt.
Entscheidend ist, welche Unterstützung ein Kind bekommt – und da gibt es durchaus soziale Unterschiede im Zugang zu Hilfen, Diagnostik und Therapien. Auch das beinhaltet Chancengleichheit.
8. Gesellschaftlicher Kontext: Polarisierung, Leistungsdruck, Unsicherheit
Kinder wachsen nicht im luftleeren Raum auf. Sie erleben:
- eine konfliktreiche öffentliche Debattenkultur (Social Media, Talkshows, Kommentarspalten),
- ökonomische Unsicherheit, Krisen, Kriege in den Nachrichten,
- steigenden Leistungs- und Optimierungsdruck (Schule, Hobbys, „perfekte“ Kindheit).
Untersuchungen zeigen, dass Mismatch zwischen familiärem und schulischem sozioökonomischem Status mit mehr aggressivem Verhalten zusammenhängt – und dass eine gute Eltern-Kind-Beziehung schützen kann.
Dauerstress, das Gefühl „nicht mitzuhalten“, soziale Abstiegsängste oder Ausgrenzung erzeugen Frust. Kinder erleben zunehmend, dass laut, hart und egoistisch sein Vorteile bringt – in Medien, Politik, Onlinewelten. Die Erwachsenen leben es schließlich vor.
Der Druck ist unterschiedlich begründet (Existenzangst vs. Konkurrenz um Status & Perfektion), aber emotional ähnlich: „Ich darf mir keinen Fehler leisten“. Aggression wird dann zu einem Ventil.
Warum zieht sich Gewalt durch alle gesellschaftlichen Schichten?
Kurz gesagt: Die grundlegenden Risikofaktoren für aggressive Verhaltensweisen sind nicht ans Einkommen gebunden, sondern betreffen universelle menschliche Erfahrungen:
Stress, Überforderung, psychische Erkrankungen gibt es in jeder Schicht – nur mit unterschiedlicher Fassade.
Digitale Medien, Mediengewalt, Social Media sind flächendeckend verbreitet.
Häusliche Konflikte, emotionaler Mangel, Beziehungsabbrüche sind kein exklusives Merkmal „sozial schwacher“ Familien.
Genetische und temperamentelle Faktoren verteilen sich unabhängig von Bildung oder Vermögen.
Unterschiede zeigen sich eher darin:
Wie früh werden Probleme erkannt?
Gut vernetzte Eltern holen schneller Hilfe, schöner Wohnen ersetzt aber nicht automatisch sichere Bindung oder gewaltfreie Kommunikation.
Wie wird Gewalt sichtbar?
In manchen Milieus eher als offene körperliche Gewalt, in anderen als psychische Gewalt, sozialer Ausschluss, massiver Leistungsdruck.
Welche Ressourcen stehen zur Verfügung?
Zugang zu Therapie, guter Kinderbetreuung, kleinen Klassen – das mildert Risiken, hebt sie aber nicht auf. Und ist auf öffentlichen Schulen gar nicht debattierbar – zumindest im Moment.
Kinder werden nicht „plötzlich böse“. Aggressives Verhalten im Grundschulalter ist aber ein Signal: für Stress in Familie und Schule, für Überforderung durch Medien- und Leistungskultur, für ungelöste eigene Not. Diese Faktoren wirken quer durch alle Schichten.
Die Leidtragenden sind die Anderen.
Hast du auch Erfahrung mit Gewalt an der Grundschule? Teile gern deine Geschichte mit uns und schreibe in die Kommentare.
*Namen alle geändert aus Gründen des Datenschutzes.
Ich würde wahnsinnig gern noch mehr zu diesem Thema schreiben. Aber aus Gründen des Datenschutzes und zur Wahrung von Persönlichkeitsrechten halte ich es kurz. Mich schmerzt, was (unsere) Kinder aus der Schule von anderen Kindern übernehmen oder mir erzählen. Echte Gewaltandrohungen bis zum Tod gehören für Viertklässler hier zum guten Ton der Klasse. Sie nutzen Wörter und Gesten, die sie weder erklären können noch verstehen. Ich frage mich, ob das anderen Eltern bewusst ist, ob es ihnen egal ist oder ob sie es als Phase abtun. Vielleicht geht es ihnen auch wie mir, und sie fragen sich, was zur Hölle hier falsch läuft.
Woher einige dieser Kinder das Benehmen haben, muss ich nicht fragen. Das weiß ich bei einigen (leider).
Kleiner Tipp: Erkläre den Kindern – zu ihrem Leidwesen – dann mal gerne, was einige Wörter bedeuten. Das ist dann für Vorpubertäre hochnotpeinlich. Danach können sie noch einen Dreizeiler darüber schreiben, was die Wörter bedeuten. Danach können sie sie auch benutzen (aber nicht zu Hause). Wie gehst du damit um?
