Darum blogge ich – Im Mutterschutz gekündigt

Darum blogge ich – Im Mutterschutz gekündigt

Im Mutterschutz gekündigt werden? Geht das überhaupt? Ja, das geht – und mir ist es passiert.

Von vorne: Normalerweise genießen Schwangere einen besonderen Kündigungsschutz, im Mutterschutz sind sie eigentlich unkündbar. Allerdings gibt es Kriterien, die zu einer Kündigung führen dürfen. Heute erzähle ich euch meine Geschichte: Von einer Insolvenz, Mobbing, Sexismus, Burn-out, Fehlgeburt und der Kündigung im Mutterschutz: Wie es dazu kam, was ich dagegen tat und warum ich seitdem blogge.

Irgendwann im Herbst 2014 sagte mir mein Arzt, wenn ich jetzt nicht zu Hause bliebe, würde aus meinem jetzigen Wohlbefinden ein handfestes Burnout entstehen. Die Arbeitssituation in der Firma war mittlerweile fast unerträglich, mein Körper reagierte – und rebellierte. Aber ich blieb nicht zu Hause. Ich ignorierte meine permanente Müdigkeit, meine Bauchschmerzen und andere Symptome. Die Kollegen im Stich lassen, wo wir sowieso schon so wenig waren? Die Kunden enttäuschen, nachdem sie gerade froh waren, seit einigen Monaten wieder eine feste Ansprechpartnerin zu haben? Nein, das war keine Option. Vor meinem damaligen Freund (heute mein Mann) wollte ich das Gesicht wahren. Wir waren erst knapp drei Monate zusammen, da kann ich doch nicht ankommen und sagen, “ich schaffe das nicht, ich bleibe zuhause.”

“Gehen Sie doch in die Produktion und arbeiten selber mit, wenn Sie Ware wollen. Zählen können Sie doch?”

Ich machte weiter. Versorgte Pferd, Katze und machte meinen Job in einem Umfeld, das mir keiner glaubte. Zustände, die Kunden fassungslos machten, als sie aufgrund Lieferschwierigkeiten selber nach dem Rechten sahen. Einer sagte mir, er sähe kaum einen Unterschied zu den Lieferanten in Südamerika. Das sitzt. Meine Gesundheit litt weiter, geraucht wurde überall. Im Großraumbüro, der Kantine, in der Werkshalle, auf den Fluren. Ich bekam Asthma; und damit Cortison.

“Ich bin hier der Boss! Du da hinten, was ist dein Problem? Soll ich dich feuern?”

Deutsche Gesetze zum Schutz der Gesundheit waren diesem Unternehmen wohl ziemlich egal. Mit dem Insolvenzverwalter sollte es besser werden. Doch die dafür abgestellten Führungskräfte nutzten das und rauchten selber in ihren Büros. Es wurde nicht besser, auch das Arbeitsvolumen nicht. Als unsere Abteilung “Verstärkung” erhielt, war ich bereits verbraucht. Der neue Chef, den ich mehrfach, auch unter Tränen bat, etwas an meiner Situation zu ändern, erklärte mit folgendes:

Die Kollegen, die schon jahrelang dabei waren, die hätten sich die Rosinen herausgepickt. Übrig blieben eben nur die Großen und “nicht einfachen” Kunden. Und ja, die Anzahl der Kunden sei zwar gleich, aber einige – meine – eben Betreuungsintensiver. Da müsse man einfach was ändern.

Ich rauche, wann und wo es mir passt. Gehen Sie doch einfach woanders hin!”

Er lud mich auf einen Kaffee ein, plauschte mit mir, lästerte etwas über bestimmte Kollegen und erzählte von seinen Zeiten in anderen Firmen. Er hatte etwas Gemütliches an sich, erinnerte an Balu den Bären. Ich mochte ihn, er gab mir das Gefühl, er verstünde mich. Leider hielt er mich nur hin, damit ich nicht auch noch kündigte. Das verstand ich erst später. Denn geändert hat sich für mich nichts.

“Ihren Namen merke ich mir nicht, Sie sind nach vier Wochen sowieso wieder weg!”

Zwei Wochen, nachdem ich bei dieser Firma anfing, wurde die Insolvenz verkündet. Mit dem Wissen um die bevorstehende Insolvenz wurde ich eingestellt. Der Empfang – bis aufs eigene Team – war eher frostig. Die Menschen dieser Firma waren von Misstrauen geprägt, viele hatten resigniert, andere gingen im “Klima der Angst” richtig auf.

“In dem Kleid kommt dein Hintern so richtig zu Geltung. Oh hoppla, bückst du dich mal bitte und gibst mir den Stift?”

 

Kündigung-im-Mutterschutz
Erst kommt das Baby, dann die Kündigung.

 

Mein Teamchef (harte Schale, weicher Kern) erzählte mir, dass die Taktik der – nun ehemaligen – Geschäftsführung die Schuldfrage gewesen sei: Einer hatte immer Schuld und wurde auch gern mal gefeuert. Das führte dazu, dass die Mitarbeiter oft logen oder Details verschwiegen – oder dich ans Messer lieferten. Auch wenn du Urlaub hattest. Neid, Missgunst, Gerede, Sexismus und Unwahrheiten. Dazu der nie endende Druck, dass die Lieferkette nicht abreisst. Ständige Erreichbarkeit, auch am Wochenende. Samstagsarbeit. Teilweise saß ich bis 22 Uhr im Büro.

“Der Spediteur hat deine Ware nicht mitgenommen.”

Nachfrage beim Spediteur: Es gab keine Ware. Der Abteilungsleiter log mich an.

Im Dezember brach ich am Telefon zusammen. In einer Konferenz wurde ich von einem Großkunden fertig gemacht – er war frustriert, er bekam kaum Ware. Ich habe ihn verstanden, der Druck der wichtigsten deutschen Industrie wiegt schwer, wenn nicht geliefert wird und nur noch per Expresssendungen die Lieferkette sichergestellt ist. Aber der persönliche Einsatz, das, woran wir wirklich scheiterten, das wollte der Mann in diesem Moment nicht sehen.

“Das ist doch total einfach so, man, nach zwei Wochen hier muss der Ablauf doch mal klar sein!”

Ein Kollege, der zufällig vorbeikam (nicht einer aus dem Konferenzraum), schritt ein und beendete das Telefonat. An diesem Tag ging ich früher nach Hause, Bauchkrämpfe hatten eingesetzt. Sonntag erlitt ich eine Fehlgeburt. Montag meldete ich mich krank. Unverständnis in der Abteilung. Der Arzt diagnostizierte: Keine Schwangerschaft mehr vorhanden. Mittwoch ging ich wieder arbeiten, der innere Druck war zu hoch. Wir wussten noch nicht lange von der Schwangerschaft, aber wir freuten uns riesig. Der Arztbesuch hinterließ ein dumpfes Gefühl der Trauer.

“Du hast an dem Platz bisher am längsten ausgehalten, in einem Jahr hatten wir hier circa 8-10 Bewerberinnen, aber die hielten nicht durch!”

Das Arbeitsklima wurde schlechter, im Folgejahr wurde ich von meinen Ärzten krankgeschrieben. Die Firma misstraute mir, zweifelte an der Echtheit meiner Krankheit. So wurde ich beim MDK, dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen, vorstellig. Doch der Arzt dort war vom Fach, er erkannte die Schwere der Krankheit. Eine lange Suche nach einem behandelnden Arzt folgte. Ich wurde wieder schwanger. Dort schwanger zu arbeiten und wieder eine Fehlgeburt erleiden? Dazu war das Krankheitsbild zu komplex, Ärztehopping folgte (verschiedene Spezialisten). Dann, kurz vor Weihnachten, erhielt ich einen Brief vom Gewerbeaufsichtsamt. Ob ich Einspruch gegen meine Kündigung einlegen wollte.

Welche Kündigung?

Ein langes Telefonat später hatte ich mehr Klarheit:

Eine Firma in Insolvenz darf auch Schwangeren kündigen, auch im Mutterschutz. Allerdings muss das komplette Team vorher entlassen sein, die Schwangere genießt besonderen Schutz. Bei dieser Teilbetriebsinsolvenz wurde laut Gewerbeaufsicht das komplette Team entlassen.

AH! Bei einer Insolvenz muss das Gewerbeaufsichtsamt der Kündigung der Schwangeren nach Prüfung und Anhörung zustimmen.

Ich schrieb eine Kollegin an, mit der ich mich gut verstanden hatte. Nein, niemand wurde vom Team entlassen. Alle noch da.

Mehr kam nicht. Gut, ich blockte tatsächlich viel ab. Hatte Angst, an das Telefon zu gehen, verurteilt zu werden für eine Krankheit, die durch das krasse Arbeitsumfeld mit entstand. Trotzdem war ich traurig; ich mochte meine Kollegen gerne. Der eine, Teamleiter, war zwar oft etwas bissig, aber ein herzensguter Kerl. Er stellte sich immer vor sein Team und hat – trotz der schwierigen Situation – oft mit Engelsgeduld Sachen erklärt. Sein Kollege war die Verbindlichkeit in Person, höflich, witzig und hilfsbereit. Mit den beiden verbrachte ich wirklich gern Zeit. Aber da gab es auch noch zwei, drei andere Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich gern zusammen gearbeitet habe. Dazu später mehr.

Ich erhob Einspruch beim Gewerbeaufsichtsamt. Zumal mir nicht einmal die Kündigung ausgesprochen wurde. Die Info bzgl. der Teilbetriebsschließung aufgrund des neuen Investors fiel auch unter den Tisch. Die Bearbeitung im Amt dauerte an. Die Firma hatte erstmal Pech und scheiterte im ersten Durchgang an der Kündigung einer Schwangeren.

Elternblog_Tangermünde
Der Bloganfang: Wir hielten die Verwandschaft über unsere Reisen auf dem Laufenden (hier in Tangermünde).

 

Ich wusste, nun brauche ich künftig etwas anderes. Die werden nicht aufgeben. Von Familie und Freunden hörte ich nur, ich solle nicht so pessimistisch sein, aber ich behielt Recht.

Wie es doch zur Kündigung im Mutterschutz kam, das Baby Bekanntschaft mit dem Anwalt machte, ein Richter fassungslos auf seinen Fall blickt, ein Kollege ein wahrer Lichtblick war und warum ich kurz vor der Geburt den Traberblog erstellt habe:

Hochschwanger kommt die Kündigung ins Haus geflattert – ein Albtraum, wenn frau sich auf das Baby freut und eigentlich andere Sorgen als die Suche nach einem Anwalt hat. Im ersten Teil meines sehr persönlichen Beitrags zu “Kündigung im Mutterschutz” erzählte ich euch ja bereits, dass ich gesundheitlich nicht auf der Höhe war. Die Schwangerschaft brachte noch einige neue Zipperlein hinzu, u. a. eine Symphysenlockerung. Die war dann übrigens auch der Grund für den Kaiserschnitt.

Ich schweife ab.

Im ersten Anlauf scheiterte die Kündigung der Firma. Spontan beschloss ich, den Traberblog ins Leben zu rufen. Kurz vor der Geburt. Hatte ja sonst nichts zu tun [haha]. Ganze drei Beiträge entstanden noch vor dem Krankenhausaufenthalt.

Die Geburtsgeschichte erspare ich euch direkt, darüber schreiben unglaublich viele andere Bloggerinnen.

Der Sohn kam auf die Welt, bezog unser neues Heim und ich wartete immer noch auf Dokumente der Firma für den Elterngeldantrag. Ich wartete lange.

“Ich rate Ihnen, nehmen Sie sich einen Rechtsbeistand!” (das Gewerbeaufsichtsamt)

Eine Empfehlung half direkt weiter. Zu dem Anwalt meines Vertrauens. Schon das Gewerbeaufsichtsamt empfahl mir einen Rechtsbeistand, daher hatte ich mich zeitnah kundig gemacht.

Dann folgte der nächste Brief vom Gewerbeaufsichtsamt. Wieder das gleiche Formular ausfüllen. Zwischenzeitlich trudelte auch die Kündigung der Firma ein.

Wir klagten gegen die Firma, gegen die Kündigung. Aber wir klagten nicht gegen den Freistaat Bayern (das Gewerbeaufsichtsamt), das der Kündigung statt gab. Nochmal: Bevor eine Schwangere oder Mutter in Mutterschutz oder Elternzeit entlassen werden darf, muss nach dem Sozialplan erst ein anderer Mitarbeiter entlassen werden. Angeblich wurde mein Team entlassen. Tatsächlich arbeiten sie heute noch dort. Trotz Einspruch mit eben diesem Sachverhalt winkte das Amt die Kündigung durch.

“Uns hat die Kündigungswelle der Teilinsolvenz nicht getroffen […]”

Aber ehrlich: Schon die erste Klage verlangte einiges ab: Mit Neugeborenem zum Anwalt (er schlief fast durch), das Organisatorische, ständige Briefwechsel usw. Und dann die neue Situation zu Dritt. Die unglaublichen Schmerzen von Symphyse und Kaiserschnitt. Das Fass war voll.

Das Ergebnis war ernüchternd: Der Richter war recht verwundert, dass der Fall überhaupt bei ihm aufschlug, normalerweise wird dem nicht stattgegeben. Es gab einen Vergleich.

Die Klage gegen das Gewerbeaufsichtsamt ließen wir sein – die Ressourcen, sich darum auch noch zu kümmern, hatte ich nicht.

“Wir wissen um diverse Missstände in dieser Firma. Aber wissen Sie, der Personalmangel… […]”

Eines fand ich in dieser Zeit jedoch ganz toll: Mein ehemaliger Teamchef gratulierte mir zur Geburt. Ich freute mich wirklich sehr über diese Geste. Tränen der Rührung und so. Danke, B.

Er hat übrigens auch mein Arbeitszeugnis unterschrieben. Er, der ja eigentlich entlassen sein sollte laut Gewerbeaufsichtsamt. Ob er wohl davon wusste, was da vom Amt weitergegeben wurde?

Ich frage mich heute auch noch oft, was wohl über mich spekuliert wurde in dieser Firma. Fragen anderer Kollegen über WhatsApp wich ich aus. Das war kein ehrliches Interesse, sie waren wohl nur neugierig.

Im Sommer 2016 erstellte ich dann diesen Blog. Erst war er privat, nur für Familie und Freunde einsehbar. Ich berichtete über das Reisen mit dem Baby und unseren Alltag. Ende 2016 stellte ich den Blog dann öffentlich.

“Gerne können wir uns zum Kaffee treffen. Aber sag mal, was hast du eigentlich? Ich sage es auch nicht weiter!”

Zum Treffen kam es nie.

Ich hätte gern drei Jahre Elternzeit genommen, ich wollte die Zeit mit meinem Kind verbringen. Nach Ablauf des Elterngeldes war ich arbeitssuchend gemeldet und fing an, mir nebenberuflich meine Selbstständigkeit aufzubauen.  Nun habe ich den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt.

Kündigung-im-Mutterschutz_Elternblog_kuchenerbse
Aller Anfang ist schwer: Baby auf Reisen und Bloggen – und dann noch das Drama um die Kündigung…

 

Ja, so war das damals. Damals. Noch nicht lange her.

Und doch eine gefühlte Ewigkeit: So viel hat sich mittlerweile getan, soviel hat sich geändert. Doch das wertvollste, das ist – neben der Familie – immer die Gesundheit. Die gibt dir keiner zurück. Und das ist keine Floskel; nehmt euch das zu Herzen. Ich gab immer 110 Prozent für jede Firma, für die ich arbeitete. Das war mein Fehler. Und ich wünschte, ich hätte damals die Juramama um Rat fragen können.

So, genug Seelenstriptease für heute! Ich freue mich auf eure Kommentare: Gab es Schwierigkeiten in eurem Umfeld? Wie hat euer Arbeitgeber bei der Schwangerschaft reagiert?


Natürlich kann ich in diesem Beitrag keine Einzelheiten preisgeben, das Arbeitsumfeld war meine subjektive Wahrnehmung und viele Details wurden hier weggelassen. Die einzelnen Zitate sollen die Stimmung mir und anderen gegenüber darstellen und wurden so auch ausgesprochen. Einige Zitate lasse ich aus Pietätsgründen weg.

 

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Liebe Victoria,
    wie gut, dass du da raus bist. Unglaublich, was manche Arbeitgeber sich heute noch leisten können. Für dich tut es mir wirklich leid, dass es sich so auf die Gesundheit und die erste Babyzeit ausgewirkt hat. Ich wüsste gar nicht, ob ich die Kraft für diesen Rechtsstreit in dem Moment gehabt hätte.
    Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft.
    Liebe Grüße,
    Franziska

    1. Liebe Franziska,

      vielen Dank für deine Worte. Im Nachhinein frage ich mich selber oft, wie ich das nur geschafft habe.
      Aber es hat ja auch sein Gutes, so hatte ich jetzt den Mut mich selbstständig zu machen.
      Dir auch alles Liebe,
      Victoria

Schreibe einen Kommentar

Menü schließen