Von Neuland, Matheangst und einem sicheren Hafen: Schule 3.0

Von Neuland, Matheangst und einem sicheren Hafen: Schule 3.0

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“Nachhilfe & Förderung: Was hilft Kindern wirklich?”

Das fragt “Scoyo” im Rahmen des Elternblog-Awards. Nun ist der Sprössling ja noch gefühlt sehr weit von der Schule entfernt (kam er nicht gerade erst auf die Welt?), aber wenn ich “Schule” höre, zuckt mein rechtes Augenlid schon panisch.

Also, Zeit, damit seinen (meinen) Frieden zu machen.

Die Schule & Ich

Von Lützau, an die Tafel. Zeige uns hier doch einmal den Lösungsweg der Matheaufgabe 3a. Und beeile dich, du hast nur noch vier Minuten bis zum Pausengong!”

Schule. Schule haftete nicht viel Positives an. Das Fach Deutsch war okay. Kunst auch. Mathe machte mir tatsächlich Spaß, bis ich den Anschluss durch Fehltage – krankheitsbedingt – verlor. Nur die bynomischen Formeln, ja, die kenne ich bis heute. Pssst: Hab ich nie wieder gebraucht!

Aber Schule sollte doch positiv behaftet sein! Schule bietet so viele Möglichkeiten. Kinder sind wissbegierig, sie wollen lernen. Doch Lehrer, Umfeld und Gesellschaft können den Spaß am Lernen schon arg verleiden.

Ein flammendes Plädoyer wollte ich schreiben. Doch je länger ich an diesem Text sitze, desto nachdenklicher werde ich:

In den Schwellen- und Drittländern dieser Welt kämpfen Kinder (vor allem Mädchen) dafür, zur Schule gehen zu dürfen. Sie laufen kilometerweit, in brütender Hitze, unter sengender Sonne, durch Krisengebiete, klettern über Berge und durchqueren Flüsse. Sie WOLLEN lernen. Die Kinder wissen, dass Bildung Leben verändert.

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Egal ob zwei oder zwölf: Kinder brauchen Bewegung, um Lernen zu können.

Zurück in Deutschland

Hier flammte kürzlich die Diskussion auf, ob Eltern die Kinder von der Schule befreien lassen können – zu Urlaubszwecken. Da ging es nicht um einen Tag, da ging es um eine ganze Woche. Vor den Pfingstferien. Das Echo war laut, die Empörung groß. Denn nirgends kann der Empörung so gut Luft gemacht werden wie in sozialen Medien oder Onlineforen. Ein krasser Gegensatz zu Kindern, die an Stricken über Berge klettern, um zur Schule zu kommen. Oder durch ein von Landminen durchzogenes Gebiet laufen.

Das Schulwesen steht hierzulande häufig in den Medien, allerdings weniger im positiven Sinne: 

Zu wenig Lehrer, zu viele Fehlstunden, G 8-Zug, marode Schulen, masochistische Lehrer, Lehrer mit Burnout, Terrorwarnungen, Gewalt gegen Lehrer, Gewalt gegen Schüler, Schüler klagt Lehrer an, Handyverbot, Suizid durch Mobbing in der Schulklasse…

Ich lese mir obige Zeilen noch einmal durch und denke: Da macht doch Lernen keinen Spaß.

Wie kann denn da ein Schüler sein volles Potenzial entfalten?

Mit einer Privatschule! Denkste. Oft genug kommt es auch hier zu Skandälchen, die Kinder werden bei Schulwechsel geärgert oder gemobbt (Stichwort: “Tanzen & Klatschen”). Zudem kann sich auch die Privatschule nicht jeder leisten – und muss oder sollte das auch nicht!

Die Frage, die ich mir Stelle: Wird Bildung – gute Bildung – zum Luxusgut? Ich könnte mir die Finger wund tippen, aber einen Roman wollte ich euch, den Lesern nicht zumuten. Lasst uns zurück zum Wesentlichen kommen.

Als ich vom Gymnasium zur Realschule wechselte, weil auch der Förderunterricht nichts brachte, brach für mich eine Welt zusammen. Versagt. Vor aller Augen. 

“Da machst du das Abi eben auf dem zweiten Bildungsweg” – Sätze, die die Leute einfach hätten stecken lassen konnten.

Ich besuchte ein Jahr die Realschule, um die 10. Klasse abzuschließen. Der Notenschnitt hob sich drastisch, ich ging GERN zur Schule. Ich MOCHTE die Lehrer. In Mathe schrieb ich Dreier statt Sechser (letztere sind nur beim Lotto willkommen!).

Was ist passiert?

Meine Eltern taten wirklich viel, um mich auf dem Gymnasium zu unterstützen, mich zu fördern.

Sie sprachen mit den Lehrern, lernten mit mir, organisierten Nachhilfelehrer, lobten Belohnungen bei guten Noten aus, kümmerten sich um Schule-Freizeit-Ausgleich.

Was aber passierte in meinem Umfeld? Worauf hatten sie keinen Einfluss, woran scheiterten sie mit ihren Bemühungen für mich?

  1. Mobbing. Ich ging nicht mehr gern zur Schule. Ich wurde krank.
  2. Die Klassenlehrerin glaubte mir nicht, egal welche Gespräche gesucht wurden
  3. Durch Krankheit verpasste ich Unterrichtsstoff
  4. In der Nachhilfe verstand ich den Stoff meist. In Prüfungen sah ich böhmische Dörfer.
  5. Belohnungen – gut gemeint – waren unerreichbar. Eine Eins in Mathe? No way. Ergo: Demotivierend.
  6. Ich wollte cool sein und schwänzte einigen Nachhilfeunterricht mit anderen Schülern. Endlich dazugehören!
  7. Work-Life-Balance unausgeglichen
  8. Ich war häufig unterfordert. Bücher, die wir in der Klasse lasen, hatte ich immer schon durch. Ich malte viel, das brachte noch mehr Ärger ein.

Ihr seht, das ist eine ganze Menge. Ausreichend, um in der Schule abzusacken.

 

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Tendenz steigend: Kinder müssen zunehmend in den Ferien lernen, statt sich zu entspannen.

 

Andere Schüler in Deutschland kämpfen noch mit ganz anderen Sachen: Sie gehen hungrig zur Schule. Sie erfahren körperlichen und seelischen Missbrauch. Sie sind arm, “gehören nicht dazu” und werden gemobbt. Mobbing erstreckt sich mittlerweile nicht nur auf den Klassenraum. Mobbing ist überall: Im Internet, via Whatsapp, auf dem Schulhof, und, und, und…

Und dann kommen eben auch noch die äußeren Umstände dazu, die ich oben schon erwähnt hatte: Fehlstunden, zu wenig Lehrer…

Richtige Förderung, die Schule macht

Wie fördere ich Kinder am Besten? Das impliziert den Gedanken, das Beste aus der Situation zu machen, die einem zur Verfügung steht. Kompromisse, Abstriche.

Und der Grundgedanke “Schule soll Spaß machen” muss wieder Leitgedanke werden. Das Schulsystem können wir nicht von heute auf morgen ändern, aber lass uns doch die Dinge im Kleinen ändern!

Wer gerne zur Schule geht, der muss meist weniger “gefördert” werden. Wobei Förderung ja in beide Richtungen geht – Kinder mit überdurchschnittlich hoher Intelligenz (die erst erkannt werden muss) sollten genauso gefördert werden wie Nachzügler.

Liebe LehrerInnen, liebe Eltern,

lasst den Leistungsdruck zuhause. In der Arbeitswelt werden es die Kinder einmal schwer genug haben. Ja, gesunder Ehrgeiz ist wichtig.

Fördert die Motorik, den Bewegungsdrang der Kinder. Still sitzen? Für die Kleinen eine Tortour, für den Bewegungsapparat eine glatte sechs! Hallo Rückenleiden der Zukunft!

Informiert euch selber über Mobbing, Cybermobbing und erstickt das im Keim. Richtet an der Schule ein Krisenteam für solche Fälle ein. Klärt die Schüler auf.

Mehr Praxis! Ob Schulgarten, Sportkurse, Kunstaktionen, Finanzberatung für die Älteren oder Auslandsaustausch: Gerne ist die Schule der Realität weit entfernt. Nicht jede, absolut nicht. Ladet Firmeninhaber oder Eltern ein, bringt den Kindern bei, wie sie mit Geld umgehen müssen, was eine Steuererklärung ist oder Erste Hilfe.

Mittlerweile werden sogar Erste-Hilfe-Kurse für Grundschüler angeboten, ich finde das grandios. 

Schule soll aufs Leben vorbereiten. Erziehen müssen die Eltern. Aber die Schule soll eines sein: Ein sicherer Hafen, wo jeder SchülerIn gerne hingeht und davon träumt, etwas Großartiges zu werden.

Und kein Lehrer hat das Recht zu sagen: “Das schaffst du nicht!”. Wir wollen Mut, wir wollen Motivation, wir wollen einen Ort, wo unsere Kinder gerne ihre Freunde treffen, der KlassenlehrerIn der Anker in einer Zeit, in der das Gehirn auf große Fahrt geht (“hallo Pubertät”).

Ja, das große, mächtige Schulsystem, das können wir nicht ändern. Nicht jetzt, nicht sofort. Aber wir können einen Grund finden, WARUM unsere Kinder gerne zur Schule gehen: Weil es LehrerInnen gibt wie unsere Nachbarin Anja*: Engagiert, motiviert und immer bereit, für die Kinder alles zu geben. Manchmal auch den Rest an Würde, um mit einer Mischung aus Hampelmann, Salti und Purzelbaum einen kleinen Jungen von seinen Tränen abzulenken.

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*Name v. d. Red. geändert

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