Vom Schein der Übermuttis & dem Sein ohne Social Media

Vom Schein der Übermuttis & dem Sein ohne Social Media

Ein Kind muss man liebevoll begleiten. Oder auch mal machen lassen. So wegen Selbstständigkeit und so. So steht es schließlich im Internet geschrieben. Egal, was passiert:

Es wirft die Nudeln an die frisch geweißelte Wand? Mit Tomatensauce? Mei, es verleiht seiner Kreativität Ausdruck. Und ein Rest Farbe ist ja noch da. 

Das Kind zieht die Katze am Schwanz durch die Wohnung? Ja mei, Kinder und Tiere haben eine besondere Bindung, sie lösen die Differenzen sicherlich alleine. Und guck, wie toll sich der Dreijährige alleine beschäftigen kann!

Einen Schraubenzieher in die Steckdose stecken? Ach, ganz der Papa, handwerklich begabt. 

Oh, sieh nur, die Tochter kocht! Oh, da landete die Bratpfanne auf dem Kopf des Kleinkindes. Hach, Geschwisterstreit, das regeln die schon.

Ihr merkt, ich übertreibe mit den Beispielen etwas. Halt, nein, das tue ich nicht. Solche Situationen treten tatsächlich auf, und wir lachen noch darüber! Ehrlich? Ehrlich. Laissez-faire tut Kindern nicht immer gut. Es gibt Situationen, da brauchen Kinder die Eltern. Eltern, die sie in solchen Situationen passend begleiten. Eltern, die ihren Kindern ein Vorbild sind aber auch Eingreifen, wenn das nötig ist.

Stress, Freiräume und Fehlverhalten

Nun ist das ja auch nicht immer so einfach:

Da biste im Maximalstress, weil die Uhr tickt, das Kind zieht sich nicht freiwillig an, bücken ist ganz schlecht, weil Nebenhöhlen zu. Die Katze wuselt durch die Füße und kreischt nach Futter, ist ja schließlich schon fünf Minuten her, das Fresschen. Der Hund steht ständig im Weg, aus Angst, vergessen zu werden. Das Kind steht wie festbetoniert und weigert sich weiterhin, die Schneehose überzuziehen. Außerdem ist es quengelig, weil es keine Schokolade zum Frühstück gab. Dein Kopf hämmert, der wichtige Arzttermin lässt sich nicht schieben und du kannst schlecht alleine fahren.

Was machst du in diesem Moment?

Es gibt Tage, da atme ich durch, lasse alles stehen und fange bei Null an. Gebe dem Kind noch einige Minuten, sich zu finden (in der Hoffnung, dass das klappt) und trinke noch einen Schluck. Trinken ist ja sowieso wichtig. Also Wasser, nicht Alkohol. Wobei, an manchen Tagen…

Liebevoll begleiten am A….

Aber es gibt auch Tage, da platzt mir die Hutschnur. Mecker rum, ärgere mich, schnauze die Tiere an und werde schrecklich ungerecht. Ja, da bin ich so richtig “authentisch”. Mutter des Jahres. Nicht.

Und dann lese ich auf Facebook, Instagram und anderen Blogs, wie man gefälligst permanent sein Kind liebevoll begleiten soll. Egal, wie es einem selber geht. Dass Eltern nur einen Satz Nerven haben, wird gern verschwiegen. Ich glaube, Nora Imlau hat dazu vor kurzem was passenden geschrieben. Ich habe es tatsächlich noch nicht geschafft zu lesen, sondern nur auf Facebook Notiz davon genommen. Hat sich aber gut angehört, es geht um falsche Erwartungen und falsche Vorbilder. Ich denke, ich werde es später lesen.

Zurück zum Thema. Oft lese ich auch von Müttern, die so verzweifelt sind, sich selber aufgeben und Hilfe suchen, weil sie die liebevolle Begleitung ihrer Vierjährigen nicht mehr aushalten. Die Vierjährige nämlich, die weiß genau, was sie alles mit Mama machen kann. Weil Mama sich selber nicht schützt und alles abnickt. Das, meine Lieben, ist nicht das, was dieses “liebevolle Begleiten” ausmacht. Eltern müssen sich selber wahrnehmen, sich selber Freiräume einräumen (ja, dann brüllt der Dreijährige halt mal fünf Minuten, weil die Eltern nicht Eisenbahn spielen wollen), vor allem, wenn die Erschöpfung sie übermannt.

Ich nehme mir regelmäßig Auszeiten mit einer Tasse Tee auf dem Sofa, während mein Sohn liest, spielt oder malt. Ich mache keine Dauer-Animation. Ich bin weder Animateur meines Sohnes noch sein Klettergerüst (ok, manchmal vielleicht). Was ich euch sagen will: Ich grenze mich auch mal ab, wenn und weil ich eine Pause brauche. Das ist okay. Und wenn ich ungerecht bin, dann begebe ich mich auf Augenhöhe und entschuldige mich dafür. Denn ich bin nicht unfehlbar und es ist okay, wenn ich als Erwachsene auch Fehler mache.

So, das war mein Wort zum Sonntag. Und ihr so? Schafft ihr euch Freiräume oder geht ihr auf dem Zahnfleisch?

Cheers, Victoria

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